14. Reisetag Kaikoura – 19.02.2026
Heute geht es ein bisschen früher los als sonst. Ausnahmsweise gibt es Frühstück im Hotel, was ab 6:30 Uhr bereitstehen soll. Da wir um 7:00 Uhr das Gepäck verladen wollen, also alles schon mal verpacken und auch die (berechtigten) Vorurteile gegenüber uns Deutschen bestätigen, und schon mal 5 Minuten vor der Zeit beim Frühstück sein. Ich war lange nicht der Erste, und es waren nicht nur Deutsche da. Alles läuft wie geplant, und das „Taschen Tetris“ im Bus ist inzwischen ohnehin keine Herausforderung mehr. Unser Ziel ist der nahegelegene Fähranleger. Die Verladung der Lkw hat schon begonnen, alle anderen Fahrzeuge werden sortiert nach Wohnmobilen, Kleinbussen, normalen PKWs und Motorräder auf verschiedene Wartelinien aufgeteilt. Wir sind ziemlich zum Schluss dran. Es geht durch die Luke am Bug aufs Schiff. Dann einer Rampe rauf und am Ende des Schiffes dann eine 180° Wende. Schließlich landen wir auf Deck fünf. So ein Wendemanöver, fast wir in einem Parkhaus, hatte ich ehrlicherweise nicht erwartet. Ich war laienhaft davon ausgegangen, dass man später beim Anlegen praktisch hinten vom Schiff wieder runter fahren würde. Die Beladung geht zügig voran, und als wir vom Parkdeck in den Aufenthaltsbereich gehen, sehen wir auch, wie die LKWs mit schweren Ketten befestigt wurden. Dafür gibt es unzählige Befestigungspunkte. Aber schließlich geht es auch darum, möglichst viele Fahrzeuge auf die Fähre zu bekommen. Da man die Überfahrt von Fahrzeugen deutlich im Voraus buchen muss, finde ich es schon spannend, wie man den Mix aus maximaler Anzahl von verkauften Tickets und gleichzeitig doch immer alle mitzubekommen regelt. Denn nicht jedes Wohnmobil und jeder PKW hat die gleiche Länge. Aber das sind Themen, über die sich andere den Kopf zerbrechen müssen. Wir sind auf der Fähre, und wie viele andere Touristen auch, gehen wir auf das oberste Deck, von wo man die Szenerie beobachten und auch noch ein paar letzte Fotos von Wellington und der Nordinsel machen kann. Noch in der Bucht vor Wellington sehen wir ein paar Delphine. So wirklich gute Fotos gelingen mir nicht, die Delphine sind meist weit entfernt sind, und der Winkel ist aufgrund der Höhe ein bisschen unglücklich. Und bei der eigentlich besten Möglichkeit bin ich dann auch noch zu langsam.
Die Sicht ist relativ gut, so kann man, als wir aus der Bucht von Wellington also der Südspitze der Nordinsel herauskommen, die Südinsel von Neuseeland bereits sehen. Der Wind kommt ziemlich frisch von vorne, erzeugt aber keinen wirklich dramatischen Seegang für die Fähre. Auf der offenen Cook Strait, wie die Meeresstraße heißt, die zwischen den beiden Hauptinseln Neuseelands hindurch führt, kann man sich auf dem Oberdeck aber nur noch mit ordentlich Schräglage gegenüber dem Wind wirklich halten. Die Cook Strait ist nach dem britischen Seefahrer und Entdecker James Cook benannt, der auch diesen Seeweg gefunden und auch kartografiert hat. Er gilt auch offiziell als Entdecker von Neuseeland für das damals dominierende Europa. Der wirkliche Entdecker von Neuseeland war allerdings Abel Janszoon Tasman, ein niederländischer Seefahrer, der am 13.12.1642 die Südinsel sichtete. Er glaubte sich allerdings anfangs auf der westlichen Seite Südamerikas, dem „Goldland“, was dem heutige Chile entspricht, und auch sein eigentliches Expeditionsziel war. Er war vier Monate zuvor im Auftrag der Niederländischen Ostindien Company im heutigen Jakarta aufgebrochen, um zunächst Holz auf Mauritius aufzunehmen, und dann das noch relativ unbekannte ein bisschen sagenumwobene Terra Austral, was man heute als Australien kennt, zu erkunden. Er verfehlte Australien aber komplett, da er etwas südlicher als vorhergehende niederländische Expeditionen segelte, und landete stattdessen in Tasmanien. Das erkannte er zunächst nicht als eigenständige Insel, und nannte sie Van-Diemans-Land. Die Briten benannten sie später nach Abel Tasman in Tasmanien um. Tasman segelt von dort weiter nach Osten und traf dann auf die Südinsel vom heutigen Neuseeland. Sein erster Kontakt mit den Maori war aber kriegerisch. Er ankerte zunächst vor der Küste. Als die Frischwasservorräte zur Neige gingen, holten seine Männer Wasser vom Festland. Eine Kommunikation mit den örtlichen Maori kam nicht zustande. Stattdessen griffen diese ein Beiboot an, dass zwischen den beiden Schiffen von Tasmans Expedition unterwegs waren. Die Maori töteten die vier Seemänner und verschleppten die Leichen ans Ufer. Daraufhin flüchtete Tasman unter Einsatz seiner schweren Kanonen. Er nannte den Ort seiner Begegnung mit den Maori in seinen Aufzeichnungen die „Mörderbucht“. So setzte Tasman selbst aber nie einen Fuß auf neuseeländischen Boden. Genauso wie die Insel Tasmanien benannten die Briten später auch das sehr rauhe Seegebiet zwischen dem heutigen Australien und Neuseeland nach ihm – die Tasman See. Seine Auftraggeber waren mit seiner Expedition übrigens sehr unzufrieden. Sie suchten nach neuen Handelsmöglichkeiten und nach Bodenschätzen wie Gold und Silber. Tasman aber brachte trotz der Entdeckungen, unter anderem noch die Fidschi-Inseln und Tonga, aber keine wirtschaftlich interessanten neuen Gebiete mit von der Expedition. Der Irrtum mit der Westküste Südamerikas konnte übrigens schon bald aufgeklärt werden. So gilt er als Entdecker vom heutigen Neuseeland, jedenfalls nach den Maori, aber er nahm keinen Besitz davon. Das tat dann James Cook am 15.11.1769, also mehr als 125 Jahre nach dem Tasman Neuseeland entdeckt hatte. An der Stelle noch ein kleiner Ausflug zu den Roaring Forties. Dabei handelt es sich um eine weltweite Westwindzone zwischen dem 40. und 50. Breitengrad auf der Südhalbkugel. Ergänzend gibt es auch noch die die Furious 50s und die Screaming 60s, die beide noch stärkere typische Westwinde aufweisen. In den Roaring Forties gibt es neben Tasmanien, der Südinsel Neuseelands und Patagonien keine größeren Landmassen mehr. Noch weiter südlich gibt es dann gar keine mehr. Schon die Roaring Forties sind für ihre häufigen Stürme, schnellen Wetterumschwünge und auch dem hohen Wellengang bekannt. Übrigens nutze auch Abel Tasman diese starken Westwinde auf seinem Weg nach Tasmanien. Und selbst heute versuchen die Segler etwa beim Ocean Race möglichst weit nach Süden zu kommen, um die starken Winde für hohe Reisegeschwindigkeiten zu nutzen. Gleichzeitig ist das aber natürlich immer ein Vabanquespiel zwischen Vorwärtskommen und das Material zu stark zu beanspruchen und letztlich einen Schiffsbruch zu riskieren.
Das Seegebiet der Cook Strait, also zwischen den beiden Hauptinseln Neuseelands, ist übrigens nicht nur wegen den Roaring Forties ziemlich interessant. Hier trifft die wilde Tasman See auf den ruhigeren Pazifik. Die nur zwei 22 km breite Meerenge ist zusätzlich noch ein Windkanal zwischen den Bergen der beiden Hauptinsel, und deshalb auch wegen ihrer starken Winde berüchtigt. Wellington haben diese Winde auch den Beinamen „Windy City“ eingebracht. Der Naturhafen galt wegen der dortigen Windbedingungen auch als schwierig. So überrascht es auch nicht, dass die Hauptwindrichtung hier Nordwest ist. Die größeren Probleme bei der Schifffahrt und damit auch bei den Fährverbindungen gibt es aber bei starken Winden aus südlicher oder südöstlicher Richtung. Das liegt daran, dass die Wellen dann deutlich länger sind, und die Schiffe entsprechend mehr „rollen“. Das war auch vor ein paar Tagen zur Zeit der großen Unwetter im Süden der Nordinsel der Fall. Damals mussten mehrere Fährüberfahrten ersatzlos gestrichen werden, was tatsächlich relativ selten passiert. Das hat dann deutliche Auswirkungen auf die, die auf diesen Fähren gebucht waren. Aktuell müssen die Tickets für Fahrzeuge etwa eine Woche bis 10 Tage im Voraus gebucht werden. Das bedeutet dann, wenn die eigentlich gebuchte Fähre nicht fahren kann, bekommt man zwar sein Geld zurück, muss aber neu buchen, mit dann entsprechenden Wartezeiten für die geplante Überfahrt. In der Cook Strait ist auch nicht nur interessant, was über dem Wasser passiert, sondern auch, was sich unter dem Wasser befindet. Das Meer ist dort prinzipiell relativ flach, es gibt aber eine etwa 300m tiefe Schlucht, deren Hänge sehr steil abfallen. Forscher haben herausgefunden, dass es dort früher zu großen unterseeischen Erdrutschen mit bis zu 10 Milliarden cbm gekommen sein muss, die entsprechende Tsunamiwellen ausgelöst haben. Zuletzt ist etwa Derartiges im Jahr 1855 passiert, als sich auch die Uferlinie in Wellington massiv verändert hatte. Damals haben sich auch große Teile des Meeresbodens unter der Cook Strait um mehrere Meter angehoben. Dieser Erdrutsch steht dann auch wieder mit dem großen Erdbeben in und um Wellington in Verbindung, der auch das direkte Hafengelände in Wellington komplett angehoben uns so fundamental verändert hatte.
Von all dem sind wir heute zum Glück aber nicht betroffen. Der Wind bläst ordentlich, so dass man sich in der Mitte der Cook Strait Teil kaum länger auf dem Oberdeck halten kann, ohne hinter den größeren Aufbauten Schutz vor dem Wind zu suchen. Aber ansonsten haben wir schönstes Wetter, und unter uns sieht man die vom Wind gepeitschten Wellenkäme. Sobald wir in den Malborough Sound auf der Südinsel einfahren, legt sich der Wind komplett. Das eben noch aufgewühlte Meer ist fast glatt. So fahren wir im Schutz des Sounds nach Picton, dem Ziel der Fährüberfahrt, wo es dann direkt weiter auf der N1 in Richtung Süden geht. Schon bald kommen wir durch eines der großen Weinanbaugebiete Neuseelands. Hier werden sowohl Rot- als auch Weißwein Rebsorten angebaut. Die Rebstöcke wachsen allerdings anders als in Deutschland nicht in Hanglagen, sondern ebenerdig. Die intensivere Sonneneinstrahlung macht es möglich. Auch ein bisschen Obstanbau gibt es in dieser Gegend. Unser heutiges Ziel ist Kaikoura, was in der Sprache der Maori etwa so viel wie „gutes Essen“ bedeutet, und sich auf die hier vorkommenden Lobster bezieht. Bevor wir dort aber eintreffen, machen wir noch einen kurzen Stopp bei einer Robbenkolonie direkt unterhalb der Straße. Dort gibt es aktuell viele junge Seerobben, richtiger muss man eigentlich neuseeländische Seebären sagen, die sich in den Wasserstellen zwischen den großen Felsen am Ufer wie in kleinen Kinderstuben tummeln. Die Altiere liegen jetzt am Nachmittag meist auf den Felsen in der Sonne um sich zu wärmen. Am Morgen waren sie draußen im Meer um zu jagen.