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21. Reisetag        Te Anau – 26.02.2026

 

Heute kehren wir wieder zu unseren normalen Zeiten zurück, also Gepäckverladung um 7:30 Uhr. Von Invercargil geht es ins nahe gelegene Bluff, was so viel wie Hügel bedeutet, und die Topologie auch ganz gut beschreibt. Während das Land hier relativ flach ist, liegt das Örtchen Bluff auf einem kleinen Hügel. Und was macht man auf einen Hügel, einen Aussichtspunkt, der unser erstes Ziel ist. Von dort hat man einen guten Blick auf die Umgebung, wobei er noch ein bisschen besser sein könnte, wenn es nicht komplett wolkenverhangen gepaart mit einer hohen Luftfeuchtigkeit wäre. Da kann auch der frische Wind nicht viel ausrichten. Das Örtchen Bluff ist praktisch der vorgelagerte Hafen von Invercargil. So verwundert es auch nicht, dass der Hafen auch einer der wichtigsten Arbeitgeber hier ist. Neben den öffentlichen Hafen gibt es noch einen Verladeterminal für die örtliche Aluminiumhütte. Dort wird das Rohmaterial, also das Bauxit, welches vor allem aus dem australischen Queensland stammt, entladen, und später das Aluminium verschifft. Immerhin werden hier rund 335.000 t Aluminium pro Jahr produziert. Das Werk gehört zu den großen Aluminium-Produktionsstätten der Welt, stand aber schon mehrfach kurz vor der Schließung. Bei der Aluminiumerzeugung werden sehr große Mengen an Energie benötigt. Das Werk alleine hat eine technische Leistungsaufnahme von bis zu 610 MW, im Durchschnitt sind es etwa 570 MW. Damit entfällt etwa ein Drittel des gesamten Stromverbrauchs der Südinsel bzw. 15% des gesamten Stromverbrauchs von Neuseeland alleine auf dieses eine Werk. Damals beim Bau des Aluminiumwerks wurde eigens ein großes Wasserkraftwerk dafür errichtet. Wobei dieses anfangs wegen eines Designfehlers nur auf eine Leistung von 585 MW kam. Erst durch den Bau einer zweiten Tunnelröhre vom Lake Manapouri kommt das Wasserkraftwerk auf eine Spitzenleistung von 800 MW, und damit genug um das Werk und die umliegenden Gemeinden mit Strom zu versorgen. Seit der Erweiterung ist das Manapouri Wasserkraftwerk das größte des Landes. An dem Strompreis entzündete sich immer wieder Streit. Manche kritisierten den extrem niedrigen Preis, den das Werk für den Strom zahlt. Andere verteidigten diesen immer wieder mit den etwa 750 Arbeitsplätzen im Werk in dieser sehr strukturschwachen Gegend. Wobei das Rohmaterial hierher geschafft wird, und das produzierte Aluminium dann anderswo weiterverarbeitet wird, die Wertschöpfung vor Ort also nur sehr gering ist. Die Eigentümer drohten immer wieder, wegen den im Gegensatz zu anderen Produktionsstätten auf der Welt nach ihrer Ansicht immer noch nicht wettbewerbsfähigen Preisen, mit der Schließung. Tatsächlich gibt es in der näheren Umgebung nur noch eine große Schlachterei und eine Molkerei. Also eigentlich nur Betriebsstätten, in denen die landwirtschaftlichen Güter der Gegend verarbeitet werden, ansonsten gibt es aber praktisch keinerlei Industrie, weshalb hier viele bei einer Schließung des Werks kaum andere Jobs finden würden, und letztlich wegziehen müssten, um Arbeit zu finden. Was dann natürlich für die Eigentümer des Werkes ein großes Druckmittel bei den Strompreisverhandlungen darstellte. So wurde der Liefervertrag im Jahre 2024 für weitere 20 Jahre verlängert, nachdem es zuvor nur einige kurzfristige Verlängerungen gegeben hatte. Das Werk gehört übrigens zu etwa 80% dem britische/australischen Konzern Rio Tinto, und zu 20% einem japanischen Unternehmen, was dann auch wieder für eine nur sehr geringe Wertschöpfung in der neuseeländischen Wirtschaft sorgt. Die kommt hier lediglich als kleinere lokale Zulieferer zum Zug.

Vom Aussichtspunkt geht es für uns dann zum Sterling Point, dem südlichen Ende der N1, der Nationalstraße 1, die damit einmal komplett vom Norden der Nordinsel bis ganz hinunter ans Ende der Südinsel führt. Von hier kann man heute Stewart Island nur schemenhaft im Dunst erkennen. Nach einer Sage der Maori war Stewart Island der Anker der Ur-Kanus, welches die heutige Südinsel darstellt. So ist hier auch am Sterling Point das eine Ende einer Skultur zu sehen, die wie eine überdimensionierte Ankerkette aussieht, und nebenbei bemerkt gerade aufwendig von unschönen Grafitti befreit wird. Das andere Ende der Ankerkette befindet sich dann auf Stewart Island.

Hier in Bluff wohnt auch eine Deutschstämmige, die uns den neuseeländischen Flachs näherbringt. Der neuseeländische Flachs ist von der Pflanzengattung nicht mit dem europäischen verwandt, sondern gehört zu den Tag Liliengewächsen und war hier endemisch. Der neuseeländische Flachs war schon früher für die Maori hier lebensnotwendig, ohne den sie sich vermutlich nicht im heutigen Neuseeland hätten halten können. Aus ihnen konnten sie Kleidung, aber auch Körbe und andere Gefäße bis hin zu Netzen und Reuse fertigen. Und das Besondere daran ist, dass er auch im Salzwasser stabil bleibt. Die Fasern werden aus den Blättern gewonnen. Dabei werden zunächst die äußeren Flanken entfernt, und dann die Blätter von der Unterseite eingeschnitten. Dann können mittels einer Muschelschale, bei den Maori waren es traditionell Grünmuscheln, die einzelnen Fasern von der Schnittstelle quasi aufgeschnitten werden. Diese wurden dann mehrfach gekocht und ausgeschlagen. Falls die Fasern später als Wandbehänge, Matten oder Kleidung verwendet werden sollten, wurden sie mit natürlichen Zutaten gefärbt. Das konnten Tonerden sein, oder auch Schlamm aus den Thermalgebieten Neuseelands. Die Fasern selbst wurden dann teilweise mit anderen Naturmaterialien verwoben, oder auch nur als Geflecht aus den reinen Flachsfasern, was von dem jeweiligen Verwendungszweck abhing. Aber auch die verschiedenen Arten der neuseeländischen Flachsgewächse sind verschieden gut für die jeweiligen Einsatzzweck ereignet. Und schon als James Cook hier in heutigen Neuseeland ankam, merkten er und seine Männer schnell, was die Maori daraus fertigen, und dass sie sich sehr gut zum Beispiel für Taue und Seile auf den Schiffen insbesondere in dem rauen, salzhaltigen Seeklima eigneten, was er auch in seinem Logbuch vermerkte. So wurde neuseeländische Flachs früh einer der wichtigsten Exportgüter der jungen Kolonien. Zum Ende des 19. Jahrhunderts gab es über 850 Flachsmühlen in Neuseeland, die die Fasern industriell aus den Blättern herstellten. Anfangs noch mit Dampfmaschinen, später dann mit Strom als Antrieb. Nur wie so oft war die Bewirtschaftung der Flachsgewächse durch die weißen Siedler nicht nachhaltig. Während die Maori mindestens die drei inneren Blätter einer Pflanze stehen ließen, aus denen diese weiter neu austreiben konnte, schnitt man für die industrielle Produktion alles radikal ab und die Pflanzen ging in der Folge meist ein. Die letzte kommerzielle Flachsmühle musste schließlich 1965 schließen. Heute wird neuseeländischer Flachs nur noch nachhaltig von Hand geerntet und dann zu Taschen, vor allem aber neuerdings zu traditionellen Gewändern verarbeitet. So treten die Schulen des Landes alle zwei Jahre gegeneinander in der Vorführung alter Maori Traditionen an. In die Bewertung fließen unter anderem auch die Kostüme und damit die aus Flachs gefertigte Kleidung ein.

Von Bluff geht es für uns zurück nach Invercargill, wo wir noch einen kurzen Stopp im örtlichen Queens Park einlegen, wo ein paar Tuatara zu sehen sind. Dabei handelt es sich um Brückenechsen, die in Neuseeland endemisch sind. Sie sind über 150 Millionen Jahre alte genetische Überbleibsel, zu denen es keine anderen Verwandten mehr gibt. Sie sind nachtaktiv und etwa 40 cm lang und wiegen nur etwa 1kg. Ihre Nahrung besteht aus wirbellosen Tieren, meist Insekten. Ihre Haut weist Schuppen auf, und sie bewegen sich nur relativ langsam vorwärts. Man glaubte schon, dass sie längst ausgestorben waren, bevor man die ersten Exemplare fand. Wobei ihre Reproduktion vorsichtig formuliert sehr langsam ist. Eines der hiesigen Männchen schätzt man auf ein Alter von etwa 120 Jahren. Er hat sich aber erst vor wenigen Jahren überhaupt das erste Mal gepaart.

Für uns geht es von Invercargil dann an der Ostküste wieder in Richtung Norden. Unsere Mittagspause machen wir in einem kleinen Cafe in Orepuki. Das Gebäude ist innen zwar sehr gemütlich, aber äußerlich kaum als Cafe zu erkennen. Trotzdem ist es gut besucht, offensichtlich gehört es zu den „bekannten“ Geheimtipps, und das nicht zu Unrecht. Von hier ist es nur noch ein kleiner Sprung zum Gemstone Beach, an dem sich allerlei kleine und größere bunte Steine finden lassen. Das ginge sicherlich bei Ebbe auch noch etwas besser, als heute zur Mittagszeit, als starker Wind das Meer auf den Strand treibt und zu allem Überfluss auch ein Regenschauer niedergeht. Aber wir sind schließlich in Neuseeland, wo das nicht ungewöhnlich ist, auch wenn wir in den letzten Tagen, von einzelnen nächtlichen Güssen abgesehen, davon verschont geblieben sind.

Weiter geht es zur alten Clifden Suspension Bridge, eine 1899 errichteten 111,5 m langen Holzbrücke, die heute allerdings nur noch für den Fußgängerverkehr genutzt wird. Sie überspannt den Waiau River. Heute nutzt man für den Straßenverkehr eine etwa 100 m parallel verlaufende moderne Betonbrücke. Aber optisch und obwohl schon über 100 Jahre alt, macht auch diese Brücke einen vertrauenserweckenden Eindruck, auch wenn sie den heutigen Anforderungen für den Verkehr nicht mehr gerecht wird.

Von ihr geht es dann weiter in die Nähe von Te Anau, wo wir einen kurzen knapp 10 km langen Abschnitt des Kepler Trails gehen wollen. Der volle Trail ist etwa 60 km lang mit einigen Höhenmeter, und wird oftmals in vier Tagen gegangen. Unser kurzer Abschnitt führt direkt am Waiau Fluss entlang durch einen Buchenwald. Wobei es hier die „falschen“ neuseeländischen Buchen sind. Genetisch sind sie mit den Buchen auf der Nordhalbkugel nicht verwandt. Genau genommen sind sie lebende Fossilien, die es in ähnlicher Form bereits auf dem Urkontinent Gondwana gab. Nachdem sie noch in der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts in den alten Naturwäldern im Kahlschlag abgeholzt wurden, stehen sie heute unter Naturschutz und sind unter anderem Teil des Te Wāhipounamu-Weltnaturerbes. Aus den Buchenwäldern erntet man den sehr teuren Honigtau-Honig. Dabei saugen Schildläuse einen zunächst relativ nährstoffarmen Baumsaft aus den Rot- und Schwarzbuchen, und scheiden dann später einen sehr süßen Saft als Tropfen wieder aus. Diese Tropfen werden dann von Bienen wieder aufgenommen, und die produzieren daraus einen sehr dunklen bis fast schwarzen Honig. Er ist besonders reich an Mineralstoffen und auch Antioxidantien, die den Zellschutz und die Stärkung des Immunsystem unterstützen, aber auch chronischen Erkrankungen am Herz- Kreislaufsystem vorbeugen sollen. Als Besonderheit unterstützt nach jüngeren Studien der Honigtau-Honig besonders auch das Wachstum nützlicher Darmbakterien und gilt damit inhaltlich als mindestens so wertvoll wie der sehr viel bekanntere Manuka-Honig. Unser fast märchenhafter Abschnitt des Weges, zumal bei dem immer noch trüben leicht feuchten Wetter, führt relativ eben am Fluss entlang, und ist entspannt ohne größere Steigungen zu gehen. Er endet dann an einem Stautor, wo der Fluss aus dem Lake Anau austritt. Von dort ist es dann nur noch eine kurze Fahrt zu unserer nahegelegenen Unterkunft im Zentrum von Te Anau.