25. Reisetag Fox Glacier – 02.03.2026
Heute kehren wir zu unseren normalen Zeiten zurück, also Gepäcksverladung um 7:30 Uhr. Wir verlassen Wanaka gleich wieder, und fahren am Ufer des ca. 35 km langen Lake Hawea entlang. Auch er ist ein ehemaliger Gletschersee, und hat eine Tiefe von 392 m, weshalb sein Grund, wie bei anderen Gletscherseen auch, unterhalb des Meeresspiegels liegt. Am Ende des Sees führt die Straße direkt hinüber an den Lake Wananka. Diese Querung ist Teil eines alten Pfades, den schon die Maori nutzten, wenn sie aus den tiefer gelegenen Winterplätzen zu ihren Sommerplätzen zogen, um in den großen kalten Gletscherseen Aale zu fischen. Wir machen am Lake Wanaka einen kurzen Fotostopp. Aber weil die Sonne teilweise noch hinter den umliegenden Bergen liegt, sind es schwierige Lichtverhältnisse. So sind auch die Temperaturen mit 6°C heute früh noch etwas frisch. Unseren ersten längeren Stopp machen wir dann an den Blue Pools, wo wir auch eine kleine Wanderung auf dem gleichnamigen Pfad machen. Wir verbringen hier mit einigen Fotos auf dem Weg etwa 1 Stunde. Das Blau bzw. Grün-Blau des Wassers kommt wegen der noch fehlenden Sonne noch nicht so richtig raus. Dafür sehen wir ein paar Vögel, die an den Beeren der Büsche naschen. Aber auch sie sind ein schwieriges Motiv. Sie sitzen gerne ein bisschen versteckt zwischen den Zweigen, und hüpfen flink dazwischen umher.
Nach der kleinen Wanderung geht es über den lediglich 562m hohen Haast-Pass. Benannt nach dem deutschstämmigen Julius von Haast, der von den Briten angeheuert, das hiesige Gebiet kartographierte, und für die damalige Provinz Canterbury auch nach Bodenschätzen wie Gold oder Kohle suchte. Der erste Weiße, der den Pass entdeckte, war aber der Goldsucher Charles Cammeron bereits im Jahre 1863. Die Maori kannten den Pass, den sie Tiori-patea nannten, was so viel wie „der Weg ist frei“ bedeutet, schon sehr viel länger. Der Hasst-Passt ist der tiefgelegenste um über die neuseeländischen Alpen zu kommen, womit wir dann jetzt auch im Bereich der Westküste der Südinsel unterwegs sind. In diesem Gebiet gibt es einige Wasserfälle. Zwei davon sehen wir uns auch an. Der Erste ist der Thunder Creek Falls. Er hat eine Höhe von 28m und liegt nur wenige Meter von der Straße entfernt. Der Zweite ist dann der Roaring Billy Falls. Seine Fallhöhe beträgt ca. 30 m, ist aber eher in eine kleine Kaskade unterteilt. Er ist über einen kleinen Pfad durch den Regenwald von vielleicht 15-20 Minuten erreichbar. Er ergießt sich dann in den Haast River, bei dem aber jetzt im Sommer große Teile des Flussbettes trockengefallen sind. Dafür kommt man aber, wenn man über das große Geröllfeld im Flussbett geht, deutlich dichter an die Wasserfälle. Und bekommt dabei auch gleich einen Eindruck, welche gewaltigen Massen an Steinen, zumeist Grauwacke, hier durch die Flüsse transportiert wird. Der Haast-River zeigt sich inzwischen im Sonnenlicht in einem schönen Grün-Türkis. Die Temperaturen sind inzwischen auch auf etwa 15 °C geklettert, und der Wind ist heute nur sehr mäßig. Das ruft dann allerdings auch die kleinen Plagegeister der Westküste Neuseelands auf dem Plan – Sandflies. Vor ein paar Tagen im Milford Sound sind wir von ihnen noch verschont geblieben, hier sind sie dagegen aktiv. Dabei handelt es sich um rund 2 mm große oder besser kleine schwarze Fliegen. Bei ihnen versuchen die Weibchen an das Blut von Säugetieren zu gelangen, kurzum die Biester beißen, wie die Mücken in Deutschland stechen. Dabei erreichen sie auch Stellen, von denen man glaubte, man hätte sie gut mit Kleidung bedeckt. Und damit das Tröpfchen Blut auch schön „mundgerecht“ für sie bleibt, sondern sie ein Sekret in die Wunde ab, das dann später den Juckreiz auslöst. Die Sandflies kommen theoretisch in ganz Neuseeland vor, die Westküste der Südinsel ist aber bekannt dafür, dass sie hier massenhaft vorkommen und richtige Plagegeister sind. Was kann man tun? Es einfach nur ertragen. Ich will nicht sagen, dass sich mit entsprechenden Mitteln einzureiben nichts bringt, aber die Sandflies sind diesbezüglich relativ tolerant, und beißen trotzdem, wenn auch etwas weniger. Wobei nach meinen Erfahrungen Autan relativ sinnlos ist, Deet hat dagegen zumindest einen gewissen Effekt. Ansonsten sich so gut es geht mit möglichst heller Kleidung bedecken, und sich möglichst an fließenden Gewässern aufhalten. Feuchte leicht moorige Stellen sollte man besser meiden, selbst am Strand halten sie sich aber auch zwischen den Steinen auf, und sobald der Wind nachlässt sind sie zur Stelle. Einheimische berichten aber auch deutlich seltener von allergischen Reaktionen, den juckenden Stellen. Scheinbar lernt der Körper damit umzugehen. Und als Alternative bleibt auf ein bisschen Wind zu hoffen, da sie dann von einem auf den anderen Augenblick nahezu komplett verschwunden sind.
Nach der Mittagspause geht es dann weiter zum Fox Gletscher. Früher gab es hier zwei Pfade, einen zum Gletscher selbst, und einen weiteren zu zwei Aussichtspunkten. Der Erste ist vor ein paar Jahren durch einen großen Erdrutsch verschüttet worden, und die dort befindliche Infrastruktur wie Parkplätze und Toiletten am Beginn des Pfades komplett zerstört worden. So kommt man heute lediglich noch zu den Aussichtspunkten deutlich unterhalb des Gletschers. Immerhin ist der heute bei inzwischen schönstem Sonnenschein gut sichtbar. Der Pfad dorthin ist ziemlich breit ausgebaut, und eigentlich gar kein Pfad, sondern eher ein „Boulevard“ durch den Regenwald, der sogar breit genug für Fahrzeuge wäre, was aber natürlich verboten ist. Insgesamt sind es etwa 3 km bis ganz zum äußeren Aussichtspunkt, und eher gemächliche 120 Höhenmeter. Der Fox-Gletscher geht deutlich zurück. Auf einem kleinen Nebenpfad ist auch verzeichnet, wo der Gletscher im Jahr 1750 noch hinreichte, heute steht man dort mitten im Regenwald mit seinen mit Moosen und Flechten bedeckten Bäumen. Auch Baumfarne fühlen sich dort heute sichtlich wohl. Das Besondere am Fox Gletscher ist aber, dass es auch Jahre gibt, in denen er gar nicht schrumpft, sondern sogar auch wächst. Das liegt daran, dass der Fox Gletscher sich mit einer ungewöhnlichen Geschwindigkeit von etwa 1 m in der Woche vorwärts schiebt, und am Ende, für einen Gletscher sehr ungewöhnlich, dicht an den Regenwald mit entsprechenden Temperaturen heranreicht. Wenn es dann innerhalb eines Jahres relativ hohe Niederschlagsmengen gibt, üblich sind hier 4.500-5.000 ltr pro qm und Jahr, dann wächst der Gletscher. Das war zum Beispiel in der Zeit von 1985-2007 häufiger der Fall. Seitdem schrumpft er wieder deutlich und auch insgesamt hat der im 20. Jahrhundert dramatisch verloren. Selbst die Klimaphänomene El Nino und El Ninia sind praktisch direkt am Gletscher ablesbar.
Nach dieser kleinen Wanderung von etwa 1,5 Stunden für den kompletten Hin- und Rückweg, der auf dem gleichen Weg verläuft, geht es zur heutigen Unterkunft im Ort Fox Glacier. Nach dem Abendessen nutzen wir die klare Sicht, und es geht noch mal zu einem von den Bergen etwas weiter entfernten Aussichtspunkt, dem Viewpoint Te Kopikopiko O Te Waka. Er liegt etwa 9 km vom Ort entfernt. Der Aussichtspunkt ist Teil einer ganzen Reihe von Stätten auf der Südinsel, an denen die Geschichte der Besiedlung durch die Maori erzählt wird. Hier gibt es auch einige Skulpturen, die sich mit eben diesem Platz, Gebiet, in den Überlieferungen der Maori beschäftigen. Demnach waren Aoraki und seine Brüder, somit alles Söhne des Himmelgottes Ranginui auf einer Reise vom Himmel zur neuen Frau ihres Vaters, der Erdgöttin Papatuanuku. Sie fanden aber nur den Ozean, weshalb sie sich wieder auf den Heimweg in den Himmel machen wollten. Aber Aoraki, als der Älteste, vergaß das Karakia, das Gebet, im entscheidenden Moment. Deshalb kenterte ihr Kanu, das Waka, und stürzte auf der Seite liegend ins Meer. Die Söhne versteinerten und bilden heute die höchsten Gipfel der neuseeländischen Südalpen. Und der Aoraki, der älteste der Söhne, ist heute auch unter seinem anderen Namen Mout Cook bekannt. So haben viele Orte zwei Namen, einen der auf die Mythologie der Maori zurück geht, und einen der später von den weißen Einwanderern, die in der Sprache der Maori als Pākehā bezeichnet werden, stammt. Offizielle Amtssprachen gibt es in Neuseeland aktuell zwei. Da ist Te Reo Maori und als zweite die neuseeländische Gebärdensprache. Tatsächlich ist Englisch keine offizielle Amtssprache. Auch wenn seit der Ankunft der ersten Briten in Neuseeland diese natürlich ihre Sprache weiter benutzten, und seitdem auch alle Gesetze, vor Gericht, im Parlament und überall sonst englisch gesprochen wird, immerhin sind über 96% der Einwohner dieser Sprache mächtig, dem Te Reo Maori oder gar der neuseeländischen Gebärdensprache, die oft auch als Sign bezeichnet wird, aber nur relativ wenige. Selbst unter den Maori gab es ursprünglich sehr viele verschiedene Sprachen und Mundarten, die sich zum Teil ähnelten, zum Teil aber auch weit auseinander liegen, so dass sich die verschiedenen Iwis, die Stämme und Clans, untereinander oft nur schwer verständigen konnten. Und der Dialekt, den man heute als Maori oder genauer eben als Te Reo Maori bezeichnet, ist die Sprache der großen Iwis im Süden der Nordinsel, die am bevölkerungsreichsten waren. Heute gibt es lediglich im Steuerrecht eine Anordnung, dass alle entsprechend relevanten Angaben in Englisch zu machen sind, aber ansonsten ist es nur gelebte Tradition, aber nicht gesetzlich geregelt. Vor etwa 10 Jahre startete dann eine Neuseeländerin eine Petition, auch Englisch als weitere Amtssprache festzulegen. Bis heute ist das aber nicht umgesetzt, und ist für die Neuseeländer auch tatsächlich ein „Nicht-Thema“. Das gehört sicherlich zu den amüsanten „Schrulligkeiten“ von Neuseeland. Aber auch andere Dinge sind in Neuseeland ein bisschen anders. So gibt es eigentlich gar kein absolutes fixes Datum der Gründung des Staates Neuseeland. Anfangs war es eine Kolonie Großbritanniens. Im Jahre 1901 entschied man sich, sich nicht dem Commonwealth of Australia, also faktisch im Wesentlichen dem heutigen Australien, anzuschließen. So blieb man zunächst weiter Kolonie. 1907 bekam das Land dann den Status einer Dominion. Damit unterstand man weiter den Briten, aber der Umfang der Selbstverwaltung wurde aufgewertet. Dann im Jahre 1918 wurde man innenpolitisch nahezu vollständig unabhängig vom Mutterland, hatte aber außenpolitisch eher den Status eines Protektorats von Großbritannien, und wurde völkerrechtlich auch so behandelt. Neuseeland entsandte auch immer prozentual große Kontingente von Soldaten in die Kriege mit britischer Beteiligung wie dem ersten Weltkrieg, dem zweiten Weltkrieg, dem zweiten Burenkrieg in Südafrika oder auch bei der Suezkriese. Wirtschaftlich war man ebenfalls weiter sehr abhängig vom einstigen Mutterland. Im Jahre 1931 erhielten die Dominions dann vom britischen Parlament im Rahmen des Statute of Westminster Act das Recht zur eigenständigen Gesetzgebung. Damit wurde die Grundlage für den Übergang vom Britische Empire zum Commonwealth of Nations gelegt. Es dauert dann aber noch bis 1947 bis das neuseeländische Parlament die völlige Unabhängigkeit vom einstigen Mutterland „akzeptierte“. Und am 25.12.1947 wurde das Gesetz durch die britische Krone unterzeichnet und wurde damit rechstgültig. Eine eigene Verfassung gab man sich aber erst 1986, also noch mal fast 40 Jahre später. Bis dahin galt weiter der New Zealand Constitution Act, der im Jahre 1852 vom britischen Parlament beschlossen worden war. Von daher neige ich jetzt mal dazu zu sagen, Neuseeland gibt es völkerrechtlich eigentlich erst seit 1947, und ist damit ein noch sehr junges Land, auch wenn die Nation eigentlich schon um einiges älter ist. Das gilt übrigens auch für das Durchschnittsalter der Neuseeländer selbst. Sie sind knapp 36 Jahre alt, zum Vergleich in Deutschland beträgt das Durchschnittsalter knapp 45 Jahre. Und Neuseeland ist auch eines der ganz weniger westlich geprägten Länder mit einem Bevölkerungswachstum, was aber natürlich zum Teil auch durch die starke Zuwanderung entsteht.