4. Reisetag Paihia – 09.02.2026
Wie in vielen Unterkünften Neuseeland üblich, ist das Frühstück heute bei der Übernachtung nicht inkludiert. Es wird in unserem heutigen Hotel aber gegen einen kleinen Obolus angeboten. Nach dem Frühstück treffen wir uns um 7:30 Uhr am Bus, und verladen das erste Mal das Gepäck. Das dauert heute entsprechend ein bisschen länger, da sich alles noch ein bisschen finden muss und dass „Koffer Tetris“ noch nicht sitzt. Vom Hotel geht es dann über die Harbour Bridge in Richtung Norden. Bei der Brücke kann übrigens eine Betonbarriere in der Mitte verschoben werden, um die Fahrspuren je Richtung dynamisch anpassen zu können, ähnlich wie es etwa beim Elbtunnel in Hamburg mit den Absperrungen funktioniert, nur dass es hier eben eine Betonbarriere ist, die auf der ganzen Länge seitlich verschoben werden kann. So werden aus den eigentlich vier Fahrspuren je Richtung dann drei und fünf. Jetzt zur morgendlichen Rushhour führen entsprechend fünf Spuren nach Auckland hinein, und drei wieder raus. Trotzdem geht es für uns auf den drei Spuren zügig hinaus, aber stadteinwärts staut sich der Verkehr. Das erste Stück auf unserem heutigen Weg ist noch Autobahn, aber dann auch schon bald nur noch eine normale Überlandstraße, immerhin die Nationalstraße 1, die N1. Sie ist über weite Strecken nur einspurig je Richtung. Da die Landschaft sehr hügelig ist, ist die Straße entsprechend kurvig, und ein Überholen über weite Strecken unmöglich. Das funktioniert eigentlich nur an den kurzen Streckenabschnitten, an denen zusätzliche Fahrstreifen dafür geschaffen wurden, oder aber wenn die langsamer fahrenden Verkehrsteilnehmer bereitwillig Platz machen, und an den Rand fahren.
Unser erstes richtiges Ziel ist Whangirai, das sich wie „Fangirei“ ausspricht, ein Name aus der Sprache der Maori. Die Maori waren die ersten menschlichen Siedler in Neuseeland, und eigentlich auch noch gar nicht so lange hier. Obwohl die beiden Hauptinseln des heutigen Neuseelands schon sehr alt sind. Vor etwa 130 Millionen Jahren trennte sich eine große Landmasse vom Urkontinent Gondwana. Diese Landmasse brach vor etwa 85 Millionen Jahren auseinander, in die Landmassen die wir heute als Neuseeland, Australien und die Antarktis kennen. Dabei war die Landmasse des heutigen Neuseelands sehr viel größer als sie es heute ist. Durch Erosion ging innerhalb der folgenden 35 Millionen Jahre fast 2/3 verloren, bzw. liegt heute unter dem Meeresspiegel. Vor etwa 25 Millionen Jahre begann quasi der Neustart für das heutige Neuseeland. Durch das Aufeinandertreffen der Australischen Kontinentalplatte und der Pazifischen Kontinentalplatte, der Landmasse neu aufwarf, bzw. an der Oberfläche neu auffaltete. So sind die meisten Berge insbesondere auch auf der Südinsel in den letzten 5 Millionen Jahren entstanden. Es gibt auch heute immer noch viele zum Teil sehr heftige Erdbeben in Neuseeland, und gleichzeitig auch sehr viele Vulkane, die zum Pazifischen Feuergürtel gehören, und sich über viele Tausend Kilometer am Rand der Pazifischen Kontinentalplatte entlang ziehen. Und ein kleiner Teil eben auch in Neuseeland. So ist Neuseeland eine sehr sehr alte und gleichermaßen auch eine noch erdgeschichtlich recht junge sich bis heute sehr dynamisch verändernde Landmasse. Dabei gab es hier sehr lange keine menschlichen Bewohner. Erst vor etwa 1000 Jahren kamen die ersten Maori ins heutige Neuseeland. Und erst seit etwa 600 Jahren gibt es auch einen mehr oder weniger regelmäßigen Austausch mit Polynesien, der Heimat der Maori. Zu diesem Zeitpunkt ist Neuseeland zu etwa 90 % von Wald bedeckt. Es gab keine Schlangen und außer ein paar Fledermausarten keine Säugetiere. Die einzigen Raubtiere waren einige wenige Vogelarten. Aufgrund der abgeschiedenen Lage entwickelte sich eine einzigartige Flora und Fauna, die über weite Strecken endemisch in Neuseeland vorkommt. Es entwickelten sich auch einige Spezies der Flora und Fauna gänzlich anders, als in anderen Teilen der Welt. So gab es zahlreiche Vögel, denen die Fähigkeit zu Fliegen abhandengekommen ist, noch dazu kann einer der bekanntesten Vögel des Landes schlecht sehen und ist nachtaktiv – der Kiwi. Aber nicht alle Vogelarten überlebten die Ankunft der Menschen. So gab es früher sieben bis neun verschiedene Arten von Moas, auch sie gehörten zu den Laufvögeln. Sie waren zwischen 70 und 300cm groß, und brachten bis zu 200kg auf die Waage. Da sie relativ gut zu jagen waren, waren sie der bevorzugte Fleischlieferant der Maori, bis sie die Moas letztlich bereits vor der Ankunft der Europäer in Neuseeland ausgerottet hatten. Doch mit den Europäern wurde vieles noch viel schlimmer, nicht nur weil sie schon bald durch die schiere Menge an neuen Einwohnern einen gewaltigen Bevölkerungsdruck ins Land brachten. Sie brachten unter anderem auch zahlreiche Säugetiere aus der Heimat mit ins neue Land. Die wiederum die heimischen Vogelarten, die fast ausnahmslos Bodenbrüter sind, erheblich zusetzten. Schon mit den Maori hatten es die ersten Ratten nach Neuseeland geschafft, aber mit den Europäern kamen ganze Heerscharen ins Land. Aber es kamen auch Marder wie Hermeline oder Opossums ins Land, die heute als „Pest Neuseelands“ bezeichnet werden. Insbesondere die Opossums brachte man einst gezielt ins Land, um sie wegen ihres Pelzes gezielt zu züchten. Und wie es dann häufig so ist, es entkommen einzelne Exemplare, und die vermehren sich explosionsartig, weil es keine natürlichen Feinde gibt, die die ungehinderte Population eindämmen. Heute stellt man ihnen wie auch den Ratten und Mardern mit großem Aufwand nach. Das reicht von der Jagd bis hin zu Giftködern in Nationalparks. An dieser Jagd, insbesondere mit den Giftködern sind landesweite tausende Neuseeländer ehrenamtlich beteiligt. Man kann also schon sagen, dass man ihnen sehr „robust“ nachstellt, und doch hat man größte Mühe ihre Population einzudämmen. Man hat das große Ziel, Neuseeland bis zum Jahre 2050 wieder von ihnen zu befreien, was eine ziemliche Herausforderung sein dürfte. Einzelne Inseln sind bereits frei, in der bedrohte heimische Vogelarten gezielt wieder angesiedelt werden, um das Fortbestehen dieser Arten zu sichern.
Aber nicht nur in der Tierwelt hat man Probleme mit eingeschleppten Arten. So brachte man Ginster und Heide mit nach Neuseeland. Und insbesondere beim Ginster gehört zu dessen Überlebensstrategie, dass Samen auch nach 25 oder mehr Jahren noch keimfähig sind. Ergeben sich also gerade irgendwo freie Flächen, und sei es in Nationalparks, zeigt sich auf diesen meist schon relativ schnell Ginster, der andere einheimische Arten verdrängt. Aber auch für die Landwirtschaft, oder in dem Fall eigentlich genauer in der Forstwirtschaft werden fremde Sorten auch in der Neuzeit massenweise eingeführt. Hier werden Kalifornische Kiefern in Holz-Monokulturen angebaut. Diese wachsen beim hiesigen Klima sehr schnell, und werden meist schon nach 25 – 30 Jahren per Kahlschlag gerodet. Zurück bleibt auf den Forstflächen dann meist Restholz wie die Kronen und das Astwerk. Dieses Restholz wird bei dem zunehmenden Starkregen dann von den Hängen in die Flüsse gespült, wo sich dann vor Brücken zunehmend Rückstauungen bilden, die dann wieder zu großen Überschwemmungen und auch Brückenschäden führen. Das löst vermehrt größere Diskussionen im Land über die Holzwirtschaft aus, zumal die heute fast vollständig in asiatischen Händen liegt.
Zurück zu unserem Tag. In Whangirai machen wir unseren Mittagsstopp, wobei ein paar von uns einen Spaziergang um das Hafenbecken machen. In Whangirai liegt an der Promenade übrigens ein Uhrenmuseum, und vor allem eine große Uhr, in der große Kugel durch ein Labyrinth laufen, und dabei durch ihr Gewicht verschiedene Mechanik antreiben, die letztlich dafür sorgen, dass die Uhrzeit angezeigt wird. Die Uhr ist zwar ziemlich groß, aber doch auch Feinmechanik, denn sie läuft komplett ohne fremden Antrieb, angetrieben alleine durch die Schwerkraftt der Kugeln. Unser nächstes Ziel sind dann die Kawiti Glowworm Caves. Dazu geht es in eine alte Tropfsteinhöhle, um deren Entdeckung sich alte Mythen der Maori drehen. Die Bekannteste davon ist, dass eine Maori vor ihrem Mann geflohen war, und sich in einer der Höhlen versteckt hielt. Sie wurde von der hiesigen Sippe erst entdeckt, weil auf ihren Feldern Kukuma – eine Süßkartoffelart, eine für die Ernährung der Maori wichtiges Grundnahrungsmittel, abhandenkamen. Nach einer der Versionen der Erzählungen beschloss die hiesige Chefin der Sippe, dass die Frau zukünftig bei ihnen leben dürfte. Erst als ihr Mann mit anderen kriegerischen Maori die Herausgabe seiner Frau forderte, kehrte diese freiwillig zu ihrer Sippe zurück, um Schaden von ihrer Gastfamilie abzuwenden. Wie auch immer der Wahrheitsgehalt der Überlieferung ist, die hiesigen Tropfsteinhöhlen sind real. Die Höhlen können im Zuge einer Führung besichtigt werden, wobei dann ein paar spezielle Lampen an die Tourmitglieder verteilt werden, andere Lichtquellen sind ebenso wie das Fotografieren nicht erlaubt. An verschiedenen Stellen innerhalb der Höhle werden dann die mitgebrachten Lampen ausgeschaltet. Und sobald sich die Augen an die Dunkelheit gewöhnt haben, erscheint an der Höhlendecke ein Meer an kleinen leuchtenden Punkten, die fast schon etwas an einen Sternenhimmel in einer klaren Nacht erinnern. Tatsächlich handelt es sich dabei um Glowworms. Das sind kleinste Lebewesen, die kleine klebrige Spinnfäden spinnen, und herunterhängen lassen. Um dann kleine Insekten wie Mücken anzulocken, beginnen die Tiere zu leuchten. Und damit simulieren sie praktisch den Sternenhimmel. Wichtig für ihr Überleben ist, dass sich unter ihnen Wasser befindet, in das Insekten wie etwa Mücken ihre Eier legen. Wenn aus diesen dann die Nachkommen schlüpfen und nach oben aufsteigen, bleiben sie an den Spinnfäden kleben, und werden von den Larven der Glowworms gefressen. Und je heller diese leuchten, um so hungriger sind sie. Für die Existenz der Glowworms ist also möglichst vollständige Dunkelheit in Verbindung mit stehendem Wasser notwendig. Es gibt auch außerhalb von Höhlen solche Glowworms, was dann aufgrund des größeren Angebots an Insekten bessere Jagdchancen bedeutet, gleichzeitig sie dort aber selbst auch wieder mehr Fressfeinden ausgesetzt sind. So sind die meisten Glowworms in solchen Höhlen zu finden. Insgesamt bleiben die Larven je nach Nahrungsangebot etwa 6 – 12 Monate an ihrem Ort, bevor sie sich selbst verpuppen. Dann können sie selbst auch mehr schlecht als recht fliegen. Während dieser Zeit von etwa fünf Tagen paaren sie sich, um dann wiederum selbst Eier zu legen, was wegen der mangelnden Flugfertigkeiten meist in relativer Nähe passiert, bevor sie dann selbst absterben.
Für uns geht es dann weiter nach Kawakawa, das einen gewissen Ruhm durch Friedensreich Hundertwasser (15.12.1928 – 19.02.2000) erlangte. Bürgerlich hieß der österreichische Künstler eigentlich Friedrich Stowasser. Bereits in jungen Jahren reiste er viel und erlernte dabei zahlreiche Sprachen. Anfangs war er vor allem Maler, weitete seine Aktivitäten dann aber später auch in die Bereiche Film und vor allem Architektur aus. Gleichzeitig wurde er schon früh zum Umweltaktivisten. So kam er auch bereits in den 1970er nach Neuseeland und erwarb eine Fläche rund 370ha an der Bay of Island, die er, wie er selbst sagte, der Natur zurückgab. Unter anderem pflanzte er in der Gegend über 100.000 einheimische Bäume, und baute sich schließlich ein ehemaliges kleines Bauernhaus als sein Domizil in Neuseeland um. Er versuchte mit Solarenergie, einem kleinen Wasserrad, einem Garten und einer Humustoilette autark zu leben. Zeit Lebens war er nicht unumstritten, und selbst nach seinem Tod galt er auch aufgrund seines Lebensstils als mittellos und überschuldet, besaß gleichzeitig aber verschiedene Grundstücke in Neuseeland aber auch in Venedig und Wien, die neben Verkäufen und Tantiemen bis heute seine Stiftung finanziell tragen. Und hier in Kawakawa baute er eine der berühmtesten öffentlichen Toiletten der Welt – die Hundertwasser-Toiletten. Natürlich, wie typisch für Hundertwasser, auch nur mit relativ wenigen geraden Linien und die für ihn typischen goldenen Zwiebeltürmchen. Man sagt ihm auch nach, dass er diese Toiletten selbst gereinigt hat, wenn gleich er bis zu seinem Lebensende viel unterwegs blieb.
Von Kawakawa ist es dann nur noch ein kurzer Sprung zu unserer Unterkunft an unserem heutigen Tagesziel in Paihia, an der Bay of Islands.