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6. Reisetag        Paihia – 11.02.2026

 

Heute ist unser erster freier Tag auf dieser Reise. Okay, das ist ein bisschen ketzerisch, denn eigentlich sind wir nur im Urlaub, also nur freie Tage. Aber heute gibt es kein festes Programm, alles kann nichts muss. Ich leide immer noch ein bisschen unter der Zeitverschiebung. Abends werde ich früh müde. Gestern habe ich noch versucht ein bisschen zu lesen, aber es ging mit der Handlung des Buches nicht recht vorwärts, weil die Augen zufallen wollten. Da lässt man der Natur lieber ihren Lauf, und geht ins Bett. Dafür war ich heute schon um 5:30 Uhr hellwach. Nachdem ich noch ein bisschen die Zeit vertrödelt habe, bin ich schon vor sieben in der näheren Umgebung des Hotels unterwegs. Was soll ich sagen, der Verkehr ist noch spärlich, Fußgänger sind praktisch keine unterwegs. Frühstückscafés sind bis auf eines, bei dem man sein Frühstück mitnehmen muss, noch geschlossen. Notgedrungen entscheide ich mich für das Frühstück to go.

Gegen 8:15 Uhr geht ein kleines Grüppchen von uns auf eine Tageswanderung. Sie führt uns zunächst am Strand von Pahia entlang nach Süden. Nach der Überquerung eines kleinen Wasserlaufs über eine Straßenbrücke geht es dann auf einem Pfad oberhalb des Ufers, aber im Prinzip immer der Uferlinie folgend, bis nach Opua. Von dort fahren wir mit der Autofähre rüber auf Russel Island. Schon kurz nach dem Fähranleger wendet sich der Pfad wieder von der Straße und führt durch den Wald, in dem auch zahlreiche große Waldfarne stehen. Man hört zahlreiche Vögel, die ein lautes Konzert bieten. Aber zu Gesicht bekommt man nur sehr wenige von ihnen. Wir kommen auch an zwei Schildern vorbei, die darauf hinweisen, dass es in diesem Gebiet Kiwis gibt. Das Gebiet ist durch einen Zaun geschützt, der zwar weder Kiwis noch die insbesondere ihren Nachwuchs bedrohenden Nager aufhält, aber immerhin Hunde, die meist unangeleint mit ihren Besitzern unterwegs sind. Wobei alle, die uns bisher begegnet sind, auch von der freundlichen maximal neugierigen Sorte waren. Fairerweise muss man aber auch sagen, dass ich als Hundebesitzer keine Angst vor Hunden habe, und so etwas spüren die Tiere auf gefühlt 100 Kilometer, was dann auch durchaus auf ihr Verhalten Auswirkung haben kann. Als wir gerade eine kleine Anhöhe hoch schnaufen, sehen wir aus dem Augenwinkel noch ein kleines kugeliges dunkles Etwas ins Unterholz verschwinden. Für ein Foto bin ich aber viiieeel zu langsam. Haben wir da gerade einen Kiwi gesehen? Die Antwort lautet wohl nein, vermutlich war es eine Wekaralle. Die sind bräunlich und ebenso wie Kiwis flugunfähig. Aber im Gegensatz zu den Kiwis sind sie auch tagaktiv. Kiwis sind nur nachtaktiv, und ziehen sich am Tag in ihre Höhle zurück. Auch die Wekaralle gilt als bedrohte Art, insbesondere auf der Nordinsel ist sie inzwischen selten geworden.

Im weiteren Verlauf führt uns der Pfad über einen Holzsteg durch die Mangroven. Kurz vor dem Erreichen des gleichnamigen Hauptortes der Insel Russel, geht es für uns noch einen etwas giftigen Anstieg hoch. Kurz darauf erreichen wir die Ausläufer des Ortes. Dabei kommen wir mit einem kleinen Schlenker auch an der ältesten erhaltenen Kirche in Neuseeland vorbei. Der Grund und Boden, auf dem sie steht, wurde von den Maori erworben. Dabei wurde vereinbart, dass die Maori und die Pakeha, wie die Maoris die neuen Siedler, also vornehmlich die Europäer, nannten, dort das gleiche Recht zur Bestattung ihrer Toten haben. Die Christ Church wurde bereits 1835 erbaut. Tatsächlich wurde sie von Charles Darwin und seinen Männern miterbaut und auch von ihm mitfinanziert. Auch wenn er Russel, das damals noch Korarareka hieß, als Hochburg des Lasters bezeichnete. Gleichzeitig sah er den Bau der Kirche aber auch als kühnes Experiment an, dessen Bau bei seiner Ankunft schon weit fortgeschritten war. Russel war mit seinem sicheren Hafen damals Ausgangspunk für viele Walfänger. Entsprechend rau waren die Umgangsformen in dem Ort. Der erste Gottesdienst in der Kirche wurde dann schließlich am 03.01.1836 begangen. In der Folge wurden die Gottesdienste sowohl in englischer Sprache wie auch auf Maori abgehalten. Die Kirche wurde gelegentlich auch als Gerichtsgebäude oder Versammlungsraum genutzt. Zu der Zeit versuchte die New Zealand Company, als Vertreterin der aktuellen britischen Siedler und auch zukünftiger Siedler eine britische Kolonie in Neuseeland zu gründen. In der Kirche verkündetet Kapitän William Hobson am 30.04.1840 in einer Versammlung, an der sowohl Maori als auch Pakeha teilnahmen, das Neuseeland fortan von New South Wales, also von Australien aus, regiert würde, und er selbst vor Ort das Amt des Vizegouverneurs ausüben würde. Grundlage war der Vertrag von Waitangi, der am 06.02.1840 von Kapitän William Hobson selbst im Namen der Krone unterzeichnet worden war. In der Folge unterzeichneten etwa 530 Stammesführer den Vertrag in der Sprache der Maori und 39 in englischer Sprache. Die erste Hauptstadt wurde Russel. Zu der Zeit waren die Maori den Briten im Land zahlenmäßig noch weit überlegen, gleichzeitig versuchten die Franzosen Einfluss auf das heutige Neuseeland zu bekommen. Die Franzosen hatten aber 1772 ein großes Massaker mit mehr als 250 toten Maori als Rache für den Tod eines von den Maori ermordeten Franzosen begangen, und die Maori waren seitdem gegenüber den Franzosen sehr misstrauisch. Daher wollten die Maori einen Pakt mit den Briten schließen, da sie erkannt hatten, dass diese eine große Kampfkraft besaßen. So entstand der Vertrag von Waitang, der im Wesentlichen aus einer Präambel und lediglich drei Artikeln bestand, und im Original zunächst in englischer Sprache verfasst wurde. Der Missionar Henry Williams übersetze diesen dann in Maori. Dazu muss man wissen, dass die Maori vor dem Eintreffen der Briten in Neuseeland überhaupt keine eigene Schrift hatten, und alles mündlich überliefert wurde. Die Missionare kreierten dann zwischen 1817 und 1830 eine Maori-Schrift, die aber auf dem von den Missionaren selbst verwendeten lateinischen Alphabet basierte. Außerdem können viel Wörter der Maori in ihrer Bedeutung nicht wirklich 1:1 übersetzt werden. Noch dazu gab es unzählige unterschiedliche Dialekte der verschiedenen Maori Stämme. So übersetzte Henry Williams den Vertrag im richtigen Geist, aber die Übersetzung wurde in wesentlichen Punkten von den Maori gänzlich anders gedeutet. Zum Teil glaubt man heute, dass Henry Williams sich zwar um eine genaue Übersetzung bemüht hatte, gleichzeitig aber auch eine für beide Seiten akzeptable „Variante“ wollte, in der es bewusst kleine Abweichungen bzw. Umdeutungen gab. In der englischen Version wurde festgehalten, dass Land zukünftig von den Maori nur noch an die britische Königin Victoria verkauft werden konnte, die Maori verstanden es eher als ein Vorkaufsrecht der Briten, sie im Prinzip aber weiter an jedermann verkaufen konnten. Außerdem unterwarfen sich in der Lesart der Briten die Maori in dem Vertrag der britischen Krone, während die Maori eine gleichberechtigte Verwaltung des heutigen Neuseelands darin sahen. Schon 1841 wurde die Hauptstadt nach Auckland verlegt. In der Folge kam es zwischen den Briten und den Maori zu Spannungen. Diese entluden sich ziemlich plakativ 1845 wieder auf Russel Island, wo der Maori Hone Wiremu Heke Pokai, der einer der Stammesführer der Ngapuhi war, dem größten Maori Stamm auf Neuseeland, den Fahnenmast samt britischer Fahne auf der höchsten Anhöhe auf Russel Island kurzerhand fällte. Das wiederholter er noch weitere zwei Mal innerhalb von sechs Monaten. Daraufhin stellten die Briten ein ganzes Bataillon Soldaten zum Schutz des Fahnenmastes ab. Durch eine List gelang es ihm auch noch ein viertes Mal den Fahnenmast zu fällen. Das war dann allerdings der Auslöser für den sogenannten flagstaff, dem Fahnenmastkrieg, der war Auftakt zu den Neuseelandkriegen, die erst 1872 beendet wurden. In der Kirche sind noch heute Einschusslöcher aus dem ersten Krieg. Hone Heke schloss übrigens 1847 Frieden mit einem Maori – Häuptling, der auf der Seite der Briten kämpfte. Der Friedensvertrag zwischen den beiden Maori wurde von den Briten nach außen später als ihr Sieg dargestellt. Den Vertrag von Waitangi erkläre ein britisches Gericht nach dem Ende der Neuseelandkriege übrigens als Nichtig. Mehr als hundert Jahre später bekennt man sich in Neuseeland wieder zu dem Unrecht, was man den Maori damals angetan hatte, und versucht sich an einer Wiedergutmachung, die auch die zukünftigen Rechte der Maori beinhaltet. Dazu später mehr. Hone Heke starb übrigens 1850 wie so viele andere Maori auch an einer von den Europäern eingeschleppten Krankheit, in seinem Fall war es Tuberkulose.

Wir sind heute weit friedlicher durch Russel gekommen, als es damals zur Zeit der Gründung der Kolonie hier zuging. Nach dem wir rund 5,5 Stunden unterwegs waren, gönnen wir uns ein alkoholfreies Kaltgetränk an der Promenade. Das „zischt“ ordentlich, da es auch heute wieder relativ warm ist. Auch wenn heute im Gegensatz zu gestern der Wind ein bisschen weht. Und was soll ich sagen, obwohl ich mich ordentlich eingeschmiert hatte, habe ich doch einen kleinen Sonnenbrand bekommen. Aber von Russel geht es auch nur noch mit der Fähre wieder zurück nach Paihia, wo es von der Anlegestelle nur noch ein paar hundert Meter bis zu unserer Unterkunft sind.