7. Reisetag Ahipara – 12.02.2026
Wie in den letzten Tagen auch schon, werde ich wieder früh wach. So warte ich wieder nicht ab, bis der Wecker klingelt, und bereite mich auf den Tag vor. Wie gestern auch schon, hole ich mir mein Frühstück „To Go“ und bin eigentlich schon vor 7:00 Uhr abfahrbereit, obwohl eigentlich erst um 7:30 Uhr das Gepäck verladen werden soll. So lese ich noch ein paar Seiten, bevor es soweit ist. Gestern Abend fielen mir wieder zeitig die Augen zu. Ganz offensichtlich bin ich noch nicht richtig in der hiesigen Zeitzone angekommen.
Unser erstes heutiges Ziel mit den Rainbow Falls erreichen wir nach etwa einer dreiviertel Stunde Fahrt. Mit dem Regenbogen wird es aber nichts. In der letzten Nacht hat es ein paar kurze aber kräftige Regenschauer gegeben. Und noch heute früh gibt‘s immer mal wieder kurze Schauer, nur von der Sonne ist nichts zu sehen. Von den Fällen geht es auf den Kerikeri-River-Track. Ein etwa 4,5 km kurzer Pfad durch den Wald, der sich wie der Name schon vermuten lässt, an einem Fluss entlang windet. Am Ende kommt man an einem ehemaligen Missionshaus von 1822 heraus, dass damit das älteste erhaltene Holzhaus in Neuseeland ist. Daneben befindet sich ein altes Steinhaus – das Stonehouse, welches zu Zeiten der Besiedlung durch die Europäer um 1832 herum gebaut wurde. Sie hatten sich an diesem Platz bereits etabliert, und das Stonehouse diente dazu, die Vorräte sicher vor Ratten und anderem Ungeziefer aufzubewahren, da die sonst und auch bis heute üblichen Holzhäuser dafür noch keinen nachhaltigen Schutz boten. Das Stonehouse wurde schnell zu einer Handelsstation ausgebaut. Später wurde das Haus dann von einem Kauri-Gum Händler genutzt. Kauri-Gum war zwischen 1850 – 1950 eines der wichtigsten Exportgüter Neuseelands. In dieser Zeit exportierte man ca. 450.000 t, alleine um 1900 exportierte man etwa 10.000t zu einem Preis von etwa 600.000 englischen Pfund. Zum Vergleich der gesamte Staatshaushalt Neuseelands betrug zu der Zeit etwa 6 Millionen englische Pfund. Entsprechend wichtig was das Kauri-Gum, das zu Spitzenzeiten das wichtigste Exportgut im Hafen der Hauptstadt Auckland war. Bleibt natürlich noch die Frage, was ist überhaupt Kauri-Gum, und was konnte man damit machen. Kauri-Gum ist das ausgetretene Harz der Kauri-Bäume, das sich vor allem aus Ablagerungen im Boden von umgestürzten und in Sümpfen oder unter z.B. alter Vulkanasche als Bodenschatz gefunden wurde. Das Harz trat an Beschädigungen bzw. Rissen an den Stämmen der Kauri-Bäume aus, oder auch bei neuen Astaustrieben. Beim Austritt ist es zähflüssig und nahezu weiß, und wird bei der Aushärtung bei Luftkontakt dann gelblich, und wenn es lange unter Luftausschluss fossilierte, konnte es fast schwarz werden. Es wurde meist in Form kleiner Tropfen / Nuggets, sogenannten Chips, von Gum-Diggern gefunden, was aber bis zu Faustgroßen Klumpen gehen konnte. Der größte je gefunden Klumpen brachte es auf knapp 25kg. Kauri-Gum ist also von der Entstehung ähnlich dem auf der Nordhalbkugel bekannten Bernstein. Nur ist Bernstein oft Millionen Jahre alt, Kauri-Gum aber lediglich ein paar Tausend Jahre. Schon die Maori nutzten Kauri-Gum, in Flachsfasern eingewickelt, als Fackeln, und die Reste aus der Verbrennung wurden mit Tierfett vermischt für die Pigmente der bekannten Tattoos genutzt. Die Europäer benutzten es zum Abdichten ihrer Schiffe, in der Produktion von Lacken und Farben bis hin zur Produktion von Firnis. Bei letzterem war es besonders beliebt, weil es sich bereits bei relativ niedrigen Temperaturen mit Leinöl vermischen ließ. Später kam auch die Herstellung von Linoleum hinzu. Noch um die Jahrhundertwende wurde aber zum Beispiel das mutwillige Beschädigen von Kauri-Bäume auf Staatsland unter Strafe gestellt, weil viele Digger dazu übergegangen waren, Kauri-Bäume ähnlich wie in Südamerika die Kautschukbäume „zu melken“, um an das begehrte und deshalb teure Kauri-Gum zu kommen. Erst in 1930er Jahren ging die Bedeutung und damit auch der Export immer mehr zurück, weil man inzwischen andere synthetische Ersatzstoffe entwickelt hatte. Bis 1960 hat ein Maori Iwi, was sich mit einem Stamm bzw. einem Stammesclan vergleichen lässt, auf ihrem Tribal Land in der Nähe unseres heutigen Ziels bei Ahipara Kauri-Gum professionell in einer bekannten Lagerstätte abgebaut.
Für uns geht von der ehemaligen Handelsstation dann zum Rangihoua Heritage Park, einem Zeugnis der frühen Besiedlung Neuseelands durch die Europäer, das noch etwas älter ist. Auf dem Weg dahin kommen wir an Teilen der Obstanbaugebiete rund um Kerikeri vorbei. Unter anderem ist hier eines der großen Gebiete in Neuseeland, in denen Kiwis angebaut werden. Die stammen eigentlich gar nicht aus Neuseeland, sondern aus China. In Neuseeland selbst sind Kiwis übrigens gar nicht so beliebt, wie man meinen sollte. Sie haben nur den Vorteil, dass sie sich gekühlt gut über weite Strecken transportieren lassen. Und in der neuseeländischen Landwirtschaft ist fast alles auf die Produktion für den Weltmarkt ausgerichtet. Praktisch alle der erzeugten landwirtschaftlichen Produkte sind hier überhaupt nicht heimisch, aber gedeihen relativ gut im hiesigen Klima. In Neuseeland sind Feijoas in verschiedensten Darreichungsformen wie die Früchte selbst, aber auch als Smoothies, Dessert, Marmelade oder in Getränken sehr viel beliebter als Kiwis. Sie enthalten übrigens fast genauso viel Vitamin C wie Kiwis, darüber hinaus sind sie auch noch reich an weiteren verschiedenen Vitaminen, Kalium, Kalzium, Zink, Eisen und Magnesium und haben viele Kohlenhydrate, enthalten gleichzeitig aber nahezu kein Fett oder Eiweiß. Für die neuseeländischen Landwirte hat die Frucht aber einen entscheidenden Nachteil, sie verdirbt schnell, und ist damit für den Export als Frucht ungeeignet, und der Inlandsmarkt ist eben nur relativ klein. Damit werden sie für neuseeländische Maßstäbe auch nur im kleinen Rahmen angebaut. Felder mit Kiwis sieht man hier oben dagegen einige. Wobei die meist mit einer großen mehrere Meter hohen Hecke aus Büschen umgeben sind, die als Windschutz dienen. Denn Wind hat man hier reichlich, nur mögen die Kiwis den gar nicht. Als wir am Parkplatz oberhalb des Rangihoua Heritage Park aus dem Bus aussteigen ist es zunächst zwar auch windig aber noch trocken, geht dann aber schon relativ schnell in einen feinen Nieselregen über. Kein Wetter für einen schönen Spaziergang. Der Weg oben vom Parkplatz hinunter zum Strand ist mit zahlreichen Informationstafeln versehen, auf denen die Entstehung der ersten hiesigen Missionssiedlungen beschrieben wird – der Rangihoua Heritage Park. Gegründet wurde sie von einer kleinen Gruppe von Siedlern, deren Anführer der Missionar Samuel Marsden war. Nach ihm ist auch das dort stehenden Marsden-Kreuz benannt. Marsden hatte in Sydney einen Sohn des hiesigen Maori-Häuptlings kennengelernt, der zu der Zeit auf einem der Schiffe der Walfänger arbeitete. Dieser machte sich bei seinem Vater, der für seine Gräueltaten bekannt war, dafür stark, den Missionaren ein Stück Land zu überlassen. Der Häuptlingssohn starb dann allerdings wenige Wochen nachdem die kleine Missionsgesellschaft sich hier 1814 niedergelassen hatte. Letztlich konnte sich die Gruppe von Europäern hier nicht halten. So erinnert heute nur noch das Marsden Cross an die frühere Siedlung.
Eigentlich war geplant am Rangihoua Heritage Park einen etwas längeren Stopp einzulegen, der optional auch die Möglichkeit einschloss, im Meer zu baden. Da das Wetter aber heute eher nicht dazu einlädt, verlassen wir den Ort relativ zügig wieder. Gegen 13:30 Uhr machen wir einen kurzen Mittagspicknickstopp, bei dem es ein bisschen Fingerfood gibt. Von dort geht es dann weiter in Richtung unseres heutigen Tagesziels in Ahipara. Unterwegs machen wir noch einen kurzen Stopp bei einem Supermarkt, wo wir uns für die nächsten beiden Tage mit einem kleinen Frühstück versorgen. Unsere nächste Unterkunft ist ein Motel und bietet selbst kein Frühstück an. Es liegt gleichzeitig auch zu weit abseits, als dass es vor Ort eine Möglichkeit gäbe, in fußläufiger Entfernung in ein Frühstücks Cafe zu kommen. Dafür gibt es dort auf dem Zimmer den üblichen Wasserkocher, löslichen Kaffee, Tee oder auch Kakaopulver. In einer kleinen Küchenzeile steht ein kleiner Herd, eine Mikrowelle und einige Küchenutensilien zur Verfügung. Interessant noch, dass es jeweils drei Löffel, Gabeln und Messer gibt. Das sollte übrigens bei zahlreichen der noch folgenden Unterkünfte ebenfalls so sein.