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4.Reisetag        10.02.2011 – San Pedro

Mal wieder Ausschlafen, heute ist der erste Tag auf unserer Reise mit einer richtigen Nacht, so geht es erst gegen 8.30 Uhr los in Richtung Tocanao. Ein Nest von einigen hundert Einwohnern in der Atacama Wüste. Auf dem Weg dorthin passieren wir eine mehr oder weniger künstliche Oase. In einer langgezogenen Senke wurden tausende von Bäumen angepflanzt, die schon aus einiger Entfernung ein grünes Band bilden. Der Grund für ihr Überleben ist ein unterirdischer Wasserlauf, eigentlich ist es wohl eher ein Streifen, der unterirdisch nicht ganz so trocken ist wie die Umgebung. Dabei hat es hier gestern erst geregnet, wovon an einer kleinen Stelle am Straßenrand noch ein kleiner Rest zu bestaunen ist. In dem grünen Streifen stehen ein paar ärmliche Behausungen, dazu eine Katze, ein stolzer Hahn unter einem Busch, ein paar Ziegen und ein kleiner Pferch, in dem die Ziegen wohl die Nacht verbringen. Das sind aber auch schon die einzigen Zeichen von menschlicher Zivilisation. Dagegen ist das Leben in Tocanao geradezu aufregend, auf einem Schulhof findet gerade ein Fußballspiel statt. Auch Tocanao ist nur entstanden, weil sich hier ein dieses mal oberirdischer Wasserlauf befindet. Man sieht auf der einen Seite der Brücke noch sehr gut welche Probleme Regen in der Wüste mit sich bringt. Es liegt allerhand Unrat und Schlamm im Flussbett. Wenn es denn schon mal regnet, kann der Boden das kostbare Nass nicht aufnehmen, und so fließt es ebenso schnell auch wieder ab wie es gefallen ist. Dabei bilden sich dann schnell gefährliche Ströme, die alles mit sich reißen, aber eben selten auch nicht mehr das Meer erreichen, da sie vorher ihre Kraft verlieren und das Wasser wieder verdunstet. Zumal die Luftfeuchtigkeit hier mehr als erträglich ist, wir haben hier etwa 35°C, die sich eher angenehm anfühlen. Dennoch sollte man sich vor der Sonne in acht nehmen, wofür meine Ohren langsam zu einem leuchtenden Beispiel werden. Auf der anderen Seite der Brücke steht noch Wasser im Flusslauf, auch insgesamt ist Tocanao ein grünes Fleckchen in einer gräulichen Unendlichkeit.

Kurz hinter dem Ort sehen wir noch die Folgen einer Straßenüberschwemmung, in einer Senke hat das abfließende Wasser eine größere Menge Sand auf die Straße gespült. Straße ist überhaupt noch ein Thema, bis Socaire auf einer Höhe von etwa 3250m fahren wir auf einer  asphaltierten Straße, danach geht es auf einer Schotterpiste weiter. Aber auch hier machen wir einen kurzen Stop und genehmigen uns einen Tee, den es so in Deutschland nicht gibt. Es kommen ein paar Kokablätter ins Wasser.  Mitreisende vergleichen ihn geschmacklich mit Brenneseltee. Mir selbst fehlt die Vergleichsmöglichkeit, daher übernehme ich es mal so. Kokablätter kann man hier in Chile frei in Mengen für den persönlichen Bedarf kaufen. Schon in Calama hat unser Reiseleiter eine kleine Tüte gekauft. Dort haben wir es mit dem Kauen der Blätter versucht. Dabei futtert man eine größere Menge Blätter in den Mund hinein und kaut fleißig darauf herum. Durch ständiges Nachfuttern von Blättern behält man den Geschmack aufrecht. Man formt dabei  im Prinzip einen etwa Tischtennisball großen „Haufen“ im Mund. Wenn die Blätter buchstäblich ausgekaut sind, spuckt man sie wieder aus. Und was soll ich sagen, mein Fall war es nicht so, es war für mich eher so als wenn man auf einem alten Teebeutel kaut. In solchen Mengen berauscht es natürlich nicht, insbesondere in Bolivien, wo die meisten Blätter herkommen, die in Chile gehandelt werden, benutzen es Arbeiter zur Leistungssteigerung, dabei unterdrücken sie eigentlich nur das Hunger- und Durstgefühl während des Tages. Außerdem verbessern die Kokablätter aufgrund ihrer verdünnenden Wirkung auf das Blut die Höhenanpassung, bei unseren zehn Blättern im Tee dürfte die Wirkung aber wohl sehr begrenzt sein. Um aber daraus Kokain produzieren zu können, bräuchte man riesige Mengen. Um ein Gramm reines Kokain zu erhalten, benötigt man neben einigen Chemikalien etwa eine Tonne Blätter. Und unsere kleine Plastiktüte mit Blättern wiegt praktisch nichts.

Noch ein paar Sätze zu dem kleinen Örtchen Socaire, er hat gerade mal 200 Einwohner aber zwei kleine Kirchen, der Grund dafür ist denkbar einfach, es gibt eine alte aus Lehm und eine neue aus Stein. Interessant ist vielleicht noch, dass der Sicherungskasten außen angebracht ist und keinerlei Klappe oder Tür als Abdeckung mehr hat. Regen ist hier eben selten. Aber auch die Türen in die Kirche sind weit geöffnet. Um den Ort herum wird auf Terrassenfelder ein bisschen Landwirtschaft betrieben, wobei kaum mehr als für die Selbstversorgung produziert werden dürfe. 

Für uns geht es also weiter auf der Schotterpiste immer höher in die Anden. Unser Ziel ist die Lagune Miscanti. Auf etwa 4000m über dem Meeresspiegel ist sie ein unglaubliches Schauspiel. Ein riesiger blauer See unter einem blauen Himmel, heute mit ein paar Sommerwolken angereichert. Dazwischen nur ein paar bräunliche Gipfel der Anden, von denen einige eine kleine Schneehaube haben. Die Farben sehen fast schon unnatürlich aus, und doch sind sie sehr real vor meinen eigenen Augen. Etwas links versetzt ragt auch der Vulkan Miscanti 5622m auf, der zur übrigen Landschaft einen kräftigen weißen, weil schneebedeckten Farbtupfer setzt. In direkter Nachbarschaft zur Lagune Miscanti liegt die deutlich kleinere Lagune Miniques, auch dazu gibt es einen gleichnamigen Vulkan, der sogar mit 5910m noch etwas höher ist als der Miscanti. Beide Lagunen sind durch einen unterirdischen Fluss verbunden, durch den die Lagune Miscanti die kleinere speist. Ihrerseits sammelt sich in ihr das Schmelzwasser der umliegenden Anden. Einen weiteren Abfluss aus den Lagunen gibt es nicht. Das Wasser selbst ist von einem intensiven blau, aber wegen des Salzgehaltes nicht als Trinkwasser zu empfehlen. Dafür können wir aber neben ein paar Flamingos unsere ersten Lamas beobachten. Genauer gesagt handelt es sich um Vicunas. Sie sind die kleinsten Lamaart, wobei Lamas allgemein zu den Kamelen gehören. Vicunas gibt es nur wild, eine Domestizierung ist nicht möglich. Sie wurden wegen ihrer Wolle aber fast ausgerottet. Da sie nur schwer zu fangen waren, erschoss man sie kurzerhand. Ihre Wolle ist extrem fein und dabei höchstens noch mit Seide zu vergleichen, aus ihr lässt sich sehr leichte und gleichzeitig sehr warme Kleidung herstellen. Entsprechend  kostbar ist die Wolle. Der Strumpfhersteller Falke hatte zeitweilig Strümpfe aus Vicunawolle im Programm, zu einem Preis jenseits der 800 Euro – immerhin pro Paar. Bereits die Inkas kannten die Wolle der Vicunas, in ihrer Kultur war es aber nur sehr hohen Adligen erlaubt, sie zu tragen.  Farblich bewegen sich Vicunas zwischen Braun- und Gelbtönen. Von einem erwachsenen Tier erhält man nur etwa 2kg Wolle. Ihr Bestand hat sich in den letzten Jahrzehnten wieder etwas erholt. Um 1950 zählte man nur noch etwa 6000 Tiere, heute schätzt man ihre Zahl auf etwa 20000, man glaubt das es mal etwa 2 Millionen waren. Ihr Verbreitungsgebiet umfasst Peru, das südöstliche Bolivien und eben den Norden von Chile. Das Jagen ist heute strengstens verboten und nur einer kleinen Gruppe der Aymara-Indianer ist es hier in Chile erlaubt, sie zu fangen, um sie zu scheren.

Wir fahren zu einem weiteren tierischen Highlight der Atacama Wüste. Am Lago Chaxa, der ein kleiner Teil des großen Salzsees Salar de Atacama ist, sind Flamingos zu bestaunen. Dabei gibt es hier drei Arten den Anden-Flamingo, den James-Flamingo und den Chile Flamingo. Den Chile-Flamingo erkennt man an den sehr roten Gelenken und fast bläulich aussehenden Beinen.  Der James-Flamingo hat rot-grau  gestreifte Beine und hat gegenüber den beiden andern einen relativ kleinen Rumpf. Der Anden-Flamingo hat gelbliche Beine. Allen gemein ist, das hier Hals und Kopf rosa ist, der Schnabel schwarz mit einem gelben Ansatz. Auch ihre Nahrungsgrundlage mit Plankton, Algen, Insektenlarven und kleinen Krebsen ist sehr ähnlich. Aufgenommen wird die Nahrung dadurch, das mit der Zunge je nach Art 5-20 mal pro Sekunde Wasser in den Schnabel befördert wird, dort werden ähnlich wie bei einigen Walarten mit feinen Barten die Nahrung ausgefiltert und das Wasser wieder raus gepreßt. Ihre Zunge galt übrigens im alten Rom als Delikatesse, die Federn weckten nie wirklich Begehrlichkeiten, da sie nach dem Rupfen ihre Farbe verlieren. Überhaupt sind Jungtiere meist sehr hell und mit zunehmendem Alter färbt sich das Federkleid rosa. Das geschieht durch die Aufnahme von Carotinoide, die mittels der Leber aus der Nahrung ausgelöst werden und in Federn und Haut eingelagert werden. Carotinode sind vereinfacht gesagt bestimmte natürliche Farbstoffe, die es in den Farben rot bis gelb gibt. Und bei Flamingos sind es eben meist rötliche, die sie aufnehmen. Flamingos sind eigentlich recht gut Schwimmer, obwohl sie meist mit ihren langen Beinen durch das Wasser warten und an flachen Stellen nach Nahrung suchen. Um zu Fliegen nehmen sie meist zwei oder drei große Schritte Anlauf, und landen ähnlich in dem sie praktisch meist auslaufen. In der Luft schlagen sie relativ gleichmäßig mit den Flügeln, Gleitphasen sind selten. So erreichen sie Geschwindigkeiten von etwa 50 bis 60 km/h.

Noch ein paar Sätze zum Salar de Atacama. Er ist mit einer Fläche von etwa 3000qkm der drittgrößte Salzsee der Welt, in ihm befinden sich etwa 40% der weltweit bekannten Lithium Reserven. Mit Lithium in Form von Akkus ist praktisch jeder von uns schon in Berührung gekommen. Der Abbau des Lithiums ist nicht völlig unumstritten. Dazu wird Wasser mit gelösten Salzen aus der Tiefe gepumpt. In großen Becken an der Oberfläche verdunstet dann das Wasser, die zurückbleibenden Salze, Bor und das Lithium kann anschließend weiterverarbeitet werden. Auch wenn man vom Beobachtungpunkt der Flamingos davon nichts sieht, so wird es doch langfristig Auswirkung bis hier geben. Denn durch den Abbau sinkt der Wasserspiegel des Lago Chaxa. Aber auch schon jetzt sieht die Umgebung unwirklich aus, auch wenn es ein natürlicher Vorgang ist. Durch den Salzgehalt, die Temperaturen und die starke Sonne ist die Erdoberfläche aufgebrochen und zerklüftet. Wobei der Sand durch die Umstände fast zu Stein „gebacken“ wird. Hier zeigt sich wie schon an der Lagune, das Chile für das europäische Auge sehr unwirkliche Landschaften zu bieten hat. Wenn man vorher Bilder davon gesehen hat, glaubte man eher daran, dass diese wohl elektronisch ein bisschen „umgearbeitet“ worden sind, und jetzt steht man hier, und kann die Wirklichkeit trotzdem nur schwer fassen.

Voll mit diesen Eindrücken geht es zurück nach San Pedro, und wieder zeichnet sich in der Wüste zaghaft ein Regenbogen ab, und heute fallen sogar auch ein paar Tropfen, so dass unser Fahrer in der Wüste die Scheibenwischer in Gang setzen muss. Der Ort San Pedro de Atacama, wie er mit vollem Namen heißt, hat eigentlich kaum mehr als 2500 Einwohner. Dazu kommen in der Reisezeit dann mindestens ebensoviele Touristen. Was viele Einheimische durchaus auch mit gemischten Gefühlen sehen. Denn die meisten Herbergen, Veranstalter der Tagestouren um San Pedro, Restaurants und kleinen Geschäften mit Andenken werden von Auswärtigen betrieben, die auch jedes Jahr mit den Touristen nach der Saison wieder verschwinden und erst pünktlich zur nächsten zurückkehren. So ist ein Teil der Ortschaft mit den Geschäften, dem „Leben“ in den Straßen und Plätzen praktisch nur in der Saison geöffnet. Die wirklichen Einheimischen wurden auf eine Seite des Ortes gedrängt. Daran ändert auch das neue etwas sterile Künstlerdorf nichts. Was noch auffällt sind die unzähligen Hunde, die in den Straßen unterwegs sind, oder vor dem eigenen Grundstück Wache halten.