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8. Tag        18.10.2014 - Gyabla (2725m)

Die Zeiten sind wie immer, also Aufwachen fast immer gegen 6:00 Uhr, heute ist es sogar noch ein bisschen früher. Da ich aber praktisch wie jeden Tag auch gestern mich schon gegen 20:30 Uhr schlafen gelegt habe, kann man dann schon auch ausgeschlafen sein. 6:30 Uhr gibt es wieder den Morgentee und Waschwasser und um 7:00 Uhr Frühstück, ist ja schon ein gewohntes Ritual. Das Gemeinschaftszelt, oder Essenzelt wie man möchte, ist zu dieser Zeit immer schon abgebaut. Sobald wir vom Tisch aufstehen, geht alles sehr schnell. Das Geschirr wird noch gespült und genauso wie Kaffeepulver, Teebeutel, Kakaopulver, Honig und Marmelade schnell verpackt. So sind wir auch heute wie gestern schon vor acht unterwegs. Eigentlich ist im Programm vermerkt, es geht recht steil hinunter zum Fluss und dann wieder hinauf auf gut 2700 m. Aber stattdessen geht es gleich mal ein paar hundert  Höhenmeter relativ steil hinauf. So haben wir vermutlich schon kurz nach dem Frühstück die höchste Tageshöhe erreicht. Aber dann geht‘s abwärts! Geschätzt sind es etwa 600-700 Höhenmeter und nach der Überquerung eines Zuflusses des Ghunsa Kholas, an dem wir seit gestern entlang gehen, geht es auf der anderen Seite wieder nach oben. Nach einigen Höhenmetern machen wir gegen 10:40 Uhr unsere Mittagspause. Wieder ist es irgendwo am Wegesrand, wo unser Kochteam schon fast fertig ist mit seinen Vorbereitungen. Bei einem Mittagessen gibt es zuerst zwei Becher frischen Saft. Dann eine Suppe, gefolgt vom Hauptgang, und dann meist noch ein paar Früchten. Den Abschluss bildet dann meist noch wieder schwarzer Tee. Oder in meinem Fall einfach warmes Wasser. Ich bin nun nicht so unbedingt der Teetrinker, schon gleich gar nicht warmen Tee, aber hier in Nepal wird ganz offensichtlich relativ viel Tee getrunken. Und beim Trekking ist es immer schwarzer Tee. Möchte man andere Sorten, sind, wie auch bei der Reisebesprechung angesprochen, entsprechende Teebeutel mitzubringen.

Eine gute Stunde nach dem Erreichen des Rastplatzes für die Mittagspause, brechen wir auch schon wieder auf. Nur wenig später beginnt es ein wenig zu tröpfeln, was uns zum ersten Mal die Regenjacken überziehen lässt. In den kommenden Stunden, die wir bis Gyabla brauchen, wird es eher noch stärker mit dem Regen. Gyabla ist zwar auf praktisch allen lokalen Karten eingezeichnet, besteht aber im Kernort aus kaum mehr als drei Häusern. Etwa eine knappe Stunde weiter soll es noch eine kleine Ansammlung von Häusern geben, die offiziell zu Gyabla gehören. Aber es gibt hier eben einen Zeltplatz. Das ist deshalb fast schon erwähnenswert, weil dafür eben eine Ebene nicht landwirtschaftlich genutzte Fläche nötig ist. Und ebene Flächen sind knapp, deshalb als Ackerland kostbar. Insgesamt waren wir heute wieder nur etwa fünf Stunden reiner Gehzeit unterwegs. Im Reiseprogramm waren eigentlich sieben vermerkt, aber wie immer lag unser lokaler Guide mit seiner Vorhersage sehr viel besser heute sogar mal wieder perfekt. Fairerweise muss man aber auch sagen, dass das Tempo zuweilen ein wenig schwankt. So gehen wir ein bisschen schneller, wenn wir vermeintlich spät dran sind, oder auch mal langsamer mit ein paar kleinen zusätzlichen Pausen, wenn wir zu früh sind, das gilt auch für die Mittagspause. Es fällt aber auf, dass unsere Begleitmannschaft inzwischen deutlich schneller ist als wir. In den letzten Tagen haben wir sie unterwegs immer mal wieder gesehen, weil sie gerade eine Rast gemacht haben. Sie laufen sehr viel schneller als wir, machen aber auch mehr Pausen. Was ich bei dem von ihnen zu tragenden  Gewicht mehr als nur nachvollziehen kann. Jetzt mit zunehmender Höhe werden wir vermutlich langsamer, aber sie haben sich eingelaufen und werden schneller.

Kurz nachdem wir in Gyabla eingetroffen sind, hat es dann auch für etwa 1 Stunde aufgehört zu regnen. Später zieht dann auch noch ein Gewitter auf, was den Nachmittag eher dazu verwenden lässt, sich ins Zelt zurückzuziehen. Körperlich geht es mir relativ gut, die obligatorische Luft im Darmtrakt, aber ansonsten bin ich sehr zufrieden. Kopfschmerzen habe ich keine, mein noch in Deutschland etwas „unzufriedenes“ Knie macht sich überhaupt nicht bemerkbar. Inzwischen ist auch die britische Gruppe angekommen, und dazu ein indisches Pärchen, das nur mit einem Träger unterwegs ist. Er zeigt Ihnen am Morgen den Weg, oder bei Abzweigungen wartet er an diesen neuralgischen Punkten auf sie. Aber ansonsten geht er wie auch unsere Träger sein eigenes Tempo. Spätestens sobald wir die Kangchendzönga Conservation Area erreichen, wäre es eigentlich auch nicht mehr erlaubt ohne Guide unterwegs zu sein. Ich mag mich täuschen, aber ich glaube viele Kontrollen diesbezüglich wird es hier nicht geben. Auf ein Zelt haben die beiden Inder verzichtet, stattdessen schlafen sie in den örtlichen Hütten, in die man sich einmieten kann. Dafür bekommt man dann ein Bett in einem Zimmer oder auch größeren Gemeinschaftsraum geboten. Auffällig ist vielleicht noch das Schuhwerk der beiden, sie läuft in leichten Turnschuhen, er noch in Plastiklatschen. Immerhin sind seine heile, was man von denen unserer Träger bzw. des Kochteams nicht immer unbedingt sagen kann. Ein anderes Thema ist noch die Passgenauigkeit des Schuhwerks. Bei den Trägern scheint diese wenn überhaupt mal die Ausnahme, was auch so für unsere Guides gilt. Immerhin sind sie aber in richtigen Schuhen unterwegs. Dagegen sind die Touristen, das gilt für die Briten wie für uns, natürlich mit unendlich viel Hightech Material unterwegs. Und natürlich sind die alle eingelaufen und auch selbstverständlich sonst in jeder Art und Weise voll intakt und passen natürlich auch richtig. Trotzdem zeigen uns die Einheimischen langsam unsere Grenzen auf. Ich will nicht sagen, wir schnaufen den Berg hoch, aber man merkt schon, dass sie unterwegs noch sehr viel mehr schwatzen oder auch mal vor sich hin singen. Und das gilt gleichermaßen für die schwierigeren Stellen wie auch für die leichten. Teleskopstöcke hat von Ihnen natürlich auch niemand. Das heißt stimmt nicht ganz, der Guide der anderen Gruppe hat einen, der aber viel zu kurz eingestellt ist, und dazu noch ein Radio, was er in seinem persönlichen Gepäck dabei hat. Das plärrt dann schon mal einige Stunden am Tag. Ich kann schon verstehen, dass er ein bisschen Abwechslung gebrauchen kann. Gleichzeitig stört es mich aber schon dabei, hier einfach nur die pure Natur genießen zu können. Aber vielleicht bin ich da auch kein Maßstab, denn mir sind eigentlich auch die Wochentage oder das Datum egal. Ich vermisse hier keine Zeitung, kein Fernsehen oder ein Radio, ich orientiere mich eigentlich nur am Reiseplan, was kommt morgen oder vielleicht noch übermorgen. Weiter geht die Planung aber auch nicht.

Beim Thema Zeit fällt mir natürlich auch sofort die Geschichte ein. Das Tal um Kathmandu ist schon seit ca. 25000 Jahre vor Christus bewohnt, auch wenn man bis heute nicht sagen kann, woher die Siedler kamen. Etwas besser wird es mit den Zeugnissen der Frühgeschichte etwa 700 Jahre vor Christus, als dort die Kirata mit mongolischem Ursprung die Macht übernahmen. Der erste große Meilenstein im heutigen Nepal war aber 563 vor Christus mit der Geburt von Siddaartha Gautama, der später als Buddha bekannt werden sollte. Ein Umstand der insbesondere die Inder ein bisschen wurmt, auch sie reklamierten Buddha als gebürtigen Inder, was, wie man heute weiß, aber falsch ist. Die erste urkundliche Erwähnung von Nepal fand dann im  vierten Jahrhundert (nach Christus) dann doch wieder in Indien statt, dort wurde das Königreich Nepal genannt, das aber vom Gupta-Reich in Indien abhängig war. Auch die ersten eigenen Inschriften in Nepal berichteten mit Schriftzeichen in Sanskrit, eine Sprache die auch die damaligen Herrscher in Indien nutzten. So verwundert es auch nicht, dass die folgenden Liccavi-Fürsten höchstwahrscheinlich auch aus Indien stammten. Sie bauten die Besiedlung des Kathmandu-Tals deutlich aus, sie verwendeten Holz und Ziegel für ihre Bauten, im gleichen Baustil bauen die Newar, eine der großen Völker im heutigen Nepal, noch heute. Der erste heute bekannte König des „neuen“ Nepals war Amsuvaran. Er förderte die Wissenschaft, führte Münzgeld ein und förderte den Handel. Die Karawanen zwischen Indien und China zogen zu dieser Zeit durch das Kathmandu-Tal, was zusätzliches Geld einbrachte. So konnten sich auch die Kunst und die Kultur sehr positiv entwickeln. Kathmandu selbst wurde im Jahre 732 gegründet, was kurz vor dem beginnenden Zerfall des Liccavi Dynastie war. Das Land brach in unzählige kleine Herrschaftszonen auseinander. Die einzige größere Errungenschaft der nächsten fast 500 Jahre war die Einführung einen einheitlichen Kalenders, den Sambat, der noch bis ins Jahr 1903 genutzt wurde, bis er dann schließlich endgültig verboten wurde. Er richtete sich nach den Mondphasen, was dann dazu führte, das alle drei Jahre ein dreizehnter Monat „eingeschoben“ werden musste. Es gibt übrigens heute wieder einige Traditionalisten, die die Wiedereinführung fordern. Unter nostalgischen Gesichtspunkten sicherlich ein Überlegung wert, aber leider so gar nicht mit dem Rest der Welt kompatibel.
 
Geschichtlich interessant wird es erst wieder im Jahre 1200, als Ari Malla im Kathmandu Tal die Macht an sich reißen konnte. Auf ihn geht die Malla-Dynastie zurück, die Nepal bis ins Jahr 1768 regieren sollte. Die Malla waren Hindus, während die meisten Nepalesen damals Buddhisten waren. Was aber schon unter Amsuvaran so war. Die Malla stammten ursprünglich aus Indien, wo sie aber vor plündernden Muslimen geflüchtet waren. Die Muslimen drangen unter Sultan Shamsuddin später gar bis nach Katmandu vor. Sie waren dort aber offensichtlich eher auf Beute als auf nachhaltigen Landgewinn aus. So konnte Jaya Sthiti Malla ausgangs des 14. Jahrhunderts in dem entstandenen Machtvakuum das Reich der Malla erheblich ausdehnen. Es umfasste unter Einbindung einiger aus Katmandu weit nach Westen geflohenen Malla-Fürsten große Teile des heutigen Nepals und sogar Teile des heutigen nördlichen Indien. Doch schon nach seinem Tod brach es wieder auseinander, da sich sein ältester Sohn nicht seinem Wunsch beugen wollte, das Reich gemeinsam mit seinen fünf Brüdern und seiner Schwester zu regieren. Er beanspruchte das heutige Kathmandu für sich und stürmte es mit seinen treuen Anhängern. So entstanden die drei Königsstädte Bhaktapur, Patan und Kathmandu in unmittelbarer Nachbarschaft zueinander. Untereinander waren sie zerstritten und im ständigen Wettstreit miteinander, nach außen hin agierten sie aber weiter gemeinsam. Doch ihrem Beispiel folgten immer mehr Fürsten und schufen in ihren Bereichen für sich eine größere Autonomie von den inzwischen schon drei  Königshäusern. Der direkte Durchgriff der Malla war nicht mehr gegeben. Mehr dazu dann noch mal, wenn wir hier von unserem Trekking zurück in Kathmandu sind. Dort werden wir sicherlich noch ein bisschen der alten Königsstädte sehen können.
 
So mache ich hier einen Sprung ins Jahr 1743, das praktisch den Anfang vom Ende der Malla-Dynastie markiert. Prithvi Narayan Shah übernahm von seinem Vater den Königsthron in Gorka, zu diesem Zeitpunkt ein sehr kleines Königreich. Er erweiterte es durch die Übernahme kleinere Nachbarreiche, bis er schließlich die Hügel um das Kathmandu Tals beherrschte, und damit auch die Kontrolle über den Handelsweg Indien – China übernahm. Der nächste logische Schritt war dann der Angriff auf Kiritpur, wie das heutige Kathmandu damals hieß. Die Eroberung gelang aber erst im dritten Anlauf im Jahre 1768. Die Herrscher flohen in das benachbarte Patan, wo sie aber nur wenige Tage Zuflucht fanden, bis die Gurkahs auch dieses angriffen und übernehmen konnte. So lebten ab dem Zeitpunkt die beiden Herrscher-Familien am Hofe des dritten Malla-Königreichs. Aber auch dort wurden sie im November 1769 schließlich vertrieben, als die Gurkhas auch Bhaktapur einnehmen konnten. Die Shah-Dynastie war entstanden und baute in der Folge den Machtbereich weiter aus. Prithvi Narayan Shah baute eine Verwaltung und eine solide Finanzverwaltung auf. Er versuchte das vereinigte Großkönigreich Nepal, das etwa ein Drittel der heutigen Fläche Nepals umfasste, von Indien und China abzuschotten. Er erließ Einfuhrverbote für ausländische Waren und verbot die Missionierung durch das Christentum. Gleichzeitig baute er freundschaftliche Beziehungen zu China auf und verhielt sich defensiv gegenüber den in Indien herrschenden Briten auf. Das hielt ihn aber nicht davon ab, kleine angrenzende Königreiche zu erobern. Zwischen 1788 und 1792 kam es zwischen den Chinesen und den Gurkahs dann zu den Tibet-Kriegen, die der Expansion ein Ende setzen. Zwischen 1814 und 1816 kam es schließlich zu einem Krieg mit den Briten, was Nepal in zähen Kämpfen mit einer zahlenmäßig weit überlegenen indischen Armee mit der Unterstützung der Briten schließlich Gebiete in der indischen Tiefebene kostete. In anschließenden Friedensvertrag musste Nepal Sikkim im Osten, von dessen Grenze wir hier nur wenige Kilometer entfernt sind, und im Westen Garwhwal aufgeben. Dafür behielt Nepal aber als einziges Land im südasiatischen Raum seine Unabhängigkeit. Teil des Vertrages war aber auch, das Nepal zukünftig der britischen Krone Gurkha-Kämpfer zur Verfügung stellen musste.  Die Briten waren sehr beeindruckt von der Kampfkraft der Gurkhas. Im ersten Weltkrieg kämpften so auch 60000 Gurkhas in britischen Regimentern. Im zweiten Weltkrieg waren es dann schon 250000. Und sie waren auch an der Auseinandersetzung zwischen Großbritannien und Argentinien um die Falklandinseln 1982 beteiligt. Innenpolitisch sollten in Nepal in der Zeit aber Intrigen und schnell wechselnde Allianzen vorherrschen. So wurden zwischen 1769 und 1846 alle Premierminister ermordet. Erst als dann eine Erbdynastie von Staatsministern, die Ranas, eingeführt wurde, wurde die Lage stabiler. Der König hatte kaum noch eigene Macht, sondern war im Wesentlichen nur noch Repräsentant. Im Jahre 1951 gelang im Zuge der indischen Unabhängigkeit und mit der Unterstützung des noch jungen Indien dem König schließlich die Abschaffung der Ranas. Der König Tribhuvan Bir Bikram Shah versprach eine Demokratie mit eine konstitutionelle Monarchie nach englischem Vorbild zu schaffen. Er selbst starb aber bereits im Jahr 1955. Sein Nachfolger Mahendra Bir Bikram Shah dreht das Rad der Zeit aber eiligst wieder zurück. Er entließ den gewählten Ministerpräsidenten und löste das Parlament im Jahre 1960 wieder auf. Dafür schuf er das Panchayat-System, in dem es lokale Wahlen etwa für die Bürgermeister gab. Gleichzeitig ließ er aber in die Verfassung folgendes schreiben: „Die Souveränität Nepals liegt im Königtum begründet, alle Gewalt – Exekutive, Legislative und Judikative – geht von ihm aus“. Oder anders gesagt, er war wieder der über allem stehenden Herrscher.