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12. Tag    Beaver Creek – 10.06.2015

Wie schon gestern geht es heute wieder relativ früh los. Die geplante Abfahrt ist für 7:15 Uhr vorgesehen, also sind gefühlt eigentlich 7:30 Uhr gemeint. Der relativ frühe Starttermin soll wieder mögliche Unwägbarkeiten auf dem Dempster Highway auffangen, schließlich weiß man nie was dort so passieren könnte. Gleich am Morgen hat jemand aus der Gruppe vermeintlich einen Wolf gesehen. Als wir aus der Ausfahrt des Campgrounds herausfahren, sieht man wieder schemenhaft etwas. Ich selbst sehe „ihn“ nur kurzfristig in einiger Entfernung zwischen zwei Büschen, aufgrund der praktisch nahezu völlig fehlenden Farbzeichnung und dem fast komplett beige / gelblichen Fell, glaube ich eher an einen Hund, aber sei‘s drum. Am späteren Vormittag taucht dann noch relativ unversehens ein Braunbär auf der Straße vor uns auf. Er wechselt zuweilen die Straßenseite, stört sich aber ansonsten nicht besonders an unserer Anwesenheit. So sehen wir Ihn einige Zeit praktisch nur von hinten. Er ist deutlich größer als der blonde Grizzly, den wir vor ein paar Tagen kurz vor dem Kluane Lake gesehen haben.

Mittagspause ist dann in Eagle Plains, das fast genau auf der Mitte bei Kilometer 369 auf dem Dempster liegt. Von hier sind es noch 367 km bis Inuvik. Wichtig ist der Punkt als Versorgungsstation - die einzige Tankstelle auf der ganzen Strecke. Es gibt außerdem ein kleines Hotel, ein Restaurant, einen Stützpunkt der Ranger, die auch die Instandsetzungsarbeiten am Highway überwachen, oder zumindest für die Regelung des Verkehrs im Baustellenbereich zuständig sind. Dann gibt es noch eine Werkstatt und die Möglichkeit frisches Wasser aufzunehmen, was wir auch machen, da es am letzten Engineer Creek Campground nur relativ braunes Wasser gab. Das Wasser hier in Eagle Plains wird mit einem Lkw von einem etwa 60 km entfernten Wasserlauf herangekarrt. Als direktes Trinkwasser verwenden wir es aber auch nicht, sondern nur abgekocht als Kaffeewasser oder im Spülwasser. Und natürlich auch für die obligatorische Katzenwäsche.

Nach der persönlichen Stärkung und einem kurzen Fahrzeugcheck geht es weiter. Nachdem wir am Vormittag wieder durch relativ bewaldetes Gebiet gefahren sind, wird es jetzt am Nachmittag endgültig zur Tundra, also zur baumlosen Steppe. Dies ist dem extremen Klima geschuldet. In der Tundra hat man im Jahresdurchschnitt meist nur Temperaturen um den Gefrierpunkt. Im Winter sind aber auch Temperaturen von bis -40°C in den Tundren der Erde nicht ungewöhnlich, was auch für die kanadische Tundra gilt. Auch herrscht in den Tundren fast immer Permafrost. Typisch ist auch die kurze Vegetationszeit von häufig nur 2-3 Monaten im Jahr. Ebenso typisch sind die relativ geringen Niederschlagsmengen, die dann zumeist auch als Schnee fallen. Gleichzeitig ist die Sonneneinstrahlung relativ gering, was dann aber auch zu nur sehr geringen Verdunstungsraten der Niederschläge führt. Deshalb sind viele Tundren auch etwas sumpfig. Tundren kommen auf der Erde fast ausschließlich auf der Nordhalbkugel zwischen dem 55. und 80. Breitengrad vor. In genau diesem Bereich bewegen wir uns hier, genau genommen erreichen wir schon bald den nördlichen 66. Breitengrad, 33 Minuten und 55 Sekunden; oder anders ausgedrückt den 66,57° Breitengrad. Allgemein auch bekannt als nördlicher Polarkreis. Genau genommen wechselt dieser Punkt sogar von Jahr zu Jahr um 14,4 m. Das hängt damit zusammen, dass die Erde eigentlich nicht wirklich senkrecht steht sondern aktuell um etwa 23,43° geneigt ist. Sie hängt praktisch ein bisschen, und dazu „eiert“ sie auch noch im Planetensystem. Das führt dann dazu, dass sich der Neigungswinkel Jahr für Jahr minimal verändert, an der Erdoberfläche eben um besagte 14,4 m den Polarkreis verschiebt. Insgesamt ist der Schwankungsbereich des Neigungswinkels zwischen 21° 55 Minuten und 24° 18 Minuten. Für den gesamten Zyklus braucht die Erde etwa 40.000 Jahre. Bleibt noch die Frage, wie definiert sich eigentlich der Polarkreis. Da wir mit der Erde um die Sonne kreisen, und die Erde geneigt ist, werden die Nord- und Südhalbkugel im Verlauf des Jahres unterschiedlich stark von der Sonne beschienen. Wir kennen das von den „langen“ Tagen im Sommer und den „kurzen“ im Winter. Und der Polarkreis markiert eben die Wendemarke. Auf dem nördlichen Polarkreis scheint die Sonne am 21. Juni 24 Stunden lang, dabei steht sie mittags senkrecht über dem Polarkreis. Und am 21. Dezember scheint sie entsprechend 24 Stunden überhaupt nicht. Durch die Lichtbrechung in der Atmosphäre führt das aber nicht zur völligen Dunkelheit im Dezember. Diese gibt es erst etwa ab dem 80. Breitengrad. Am Polarkreis bleibt es dämmrig. Und umgekehrt erscheint es einem auch etwas südlich des Polarkreises im Sommer die ganze Nacht hell zu sein, was genauso mit der Lichtbrechung zu tun hat. Weil sich die Erde ja nicht nur um die Sonne dreht, sondern auch noch um sich selbst, und damit überhaupt erst Tag und Nacht möglich macht, ist die Erde auch keine wirkliche Kugel. Sie ist wegen der Fliehkraft an den Polen etwas „platter“. So beträgt der Durchmesser am Äquator rund 12756km, misst man die Strecke zwischen den Polen sind es nur rund 12713km. Durch die „Unwucht“ ist auch nicht der Mount Everest am weitesten vom Erdmittelpunkt entfernt, sondern der Chimborazo in Ecuador, weil er sehr viel dichter am Äquator liegt. Dabei ist er nominal rund 2500m kleiner. Nur um noch eine Zahl rein zu werfen, am Äquator dreht sich die Erde mit einer Geschwindigkeit von knapp 1670 km/h – das sind 464 Meter in der Sekunde. Durch die Neigung und die elliptische Umlaufbahn der Erde um die Sonne dauert es genau genommen eigentlich nicht wirklich jeden Tag genau 24 Stunden, bis die Sonne wieder an ihrer höchsten Stelle steht. Weil die Erdumlaufbahn um die Sonne aber eine Ellipse beschreibt, steht die Sonne jeden Tagen ein bisschen anders, das gleicht dann sich die Differenz zu den 24 Stunde, den unser Tag bekanntlich hat, im Laufe des Jahres dann im Prinzip wieder aus. Eine geringe Verschiebung wird dann nur noch durch den Mond, und die von ihm ausgelöste Bewegung der Weltmeere verursacht, hier sprechen wir aber gerade mal von bis zu 20 Nanosekunden am Tag, verursacht durch die ungleichmäßige „Unwucht“ der Erde, durch die Verlagerung des Wassers. Für die komplette Umlaufbahn braucht unsere Erde 365 Tage, 6 Stunden, 9 Minuten und 9,54 Sekunden – nur um mal richtig genau zu sein. Und wo wir schon dabei sind, nehmen wir uns hier auch gleich noch den Gregorianischen Kalender vor. Er geht auf einen Erlass vom Papst Gregor dem XIII zurück. Er führte dabei unter anderem auch den Schalttag ein und beseitigte damit Probleme in der Kirchenverwaltung, da es zunehmend Unstimmigkeiten im Kirchenjahr und dem Osterfest gab, welches von Mondphasen abhängt. So übersprang er im Jahre 1582 kurzerhand 10 Tage, auf den 04.10. folgte unmittelbar der 15.10. In der Neuzeit machten wir uns Gedanken über den planmäßig eben nicht vorhandenen 29.02.2000, damals übersprang man kurzerhand mal eben 10 Tage per päpstlicher Bulle - eine reife Leistung. Aufgelaufen war die Differenz durch den Julianischen Kalender, der die „Unwucht“ der Erde nicht ausreichend berücksichtigte. Den Hintergrund der Verschiebung entdeckte übrigens Nikolaus Kopernikus, ein deutscher Astronom, der seine Entdeckung aber erst kurz vor seinem Tod 1543 veröffentlichte, vorher war man nicht zuletzt in der Kirche davon ausgegangen, dass unsere Erde ein Fixstern wäre, und sich entsprechend die Sonne um uns dreht. Übrigens eine der wenigen wesentlichen Änderungen, die die katholische Kirche in ihrem Weltbild vornahmen. Die  Reformierten Kirchen sind in ihren Einschätzungen übrigens nicht sehr viel aufgeschlossener gegenüber derartigen Änderungen. Aber das ist wieder ein ganz anderes Thema, das noch viel weiter vom eigentlichen Reisetagebuch weg führt.

Für uns gibt es am Polarkreis nicht die eigentlich obligatorische Polartaufe mit kaltem Wasser, sondern nur einen kleinen Umtrunk, zumal einige in der Gruppe etwas angeschlagen sind - ich auch. Genau genommen geht es mir ziemlich mies. In den letzten Tagen hatte ich Halsschmerzen, bei mir ein untrügliches Zeichen für eine aufkommende Erkältung, und heute ist sie dann da. Aber immerhin ist es heute nur ein reiner Fahrtag. So geht es für uns auch weiter in Richtung Norden. Nach etwa zwei Stunden verlassen wir den Yukon und kommen in die Northwest Territories, womit wir wieder in eine andere Zeitzone kommen. Es ist eine Stunde später. Wie auch Yukon sind die Northwest Territories keine eigenständige Provinz, sondern direkt der kanadischen Bundesregierung unterstellt. Damit sind sie in den Rechten etwas eingeschränkter wie die Provinzen im Süden des Landes. Aber wer denkt, dass der Yukon dünn besiedelt ist, der wird hier gleich eines besseren belehrt. Auf einer Fläche von fast 1,35 Millionen km² verteilen sich gerade mal knapp 41.500 Menschen. Und wir sind auf dem Weg in eine der zehn größten Ortschaften in den Northwest Territories. Es geht nach Fort McPherson, eine Ortschaft mit gerade mal 792 Einwohnern (Stand 2011). Die Ortschaft ist durch zwei Dinge bekannt. Der erste ist ein Begräbnis, hier beerdigte William John Duncan Dempster, das war der nach dem der Highway benannt worden ist, vier andere Mitglieder der Royal Mounted Canadian Police, die sich auf einer Patrouille verirrten und hier erfroren, kaum 30 Meilen vom rettenden Fort entfernt. Und der zweite Punkt ist die Fähre, die auch wir benutzen wollen, um über den Peel River zu kommen. Sie hat übrigens erst vor ein paar Wochen ihren Betrieb wieder aufgenommen. Zuvor war der Peel River noch zugefroren, und selbst die großen Trucks fuhren über das Eis des Flusses. Wenn das Eis schließlich aufbricht, kommt man ca. zwei Wochen überhaupt nicht mehr über den Fluss. Danach wird die Fähre mit schwerem Gerät ins Wasser gebracht und nimmt ihren Betrieb auf. Dabei pendelt sie am Tage praktisch ununterbrochen nach Bedarf zwischen den beiden Ufern. Einen Anleger sucht man vergebens, sie fährt einfach bis ans Ufer, von dem man dann auf die Fähre fährt. Die Benutzung der Fähre ist kostenlos, sie wird von der kanadischen Bundesregierung betrieben.

In diesem Bereich ist übrigens die Vegetation wieder deutlich üppiger, es gibt auch niedrige Bäume und reichlich Buschwerk. Das ist dem relativ warmen Wasser, das der Fluss von Süden heran bringt, geschuldet. Wir steuern einen See mit einem durch ihn hindurchströmenden Fluss an, an dem wir frei campen. Ein Plumpsklo, wie auf den staatlichen Campgrounds, sucht man hier folglich vergebens, hier ist die Toilette hinter dem nächsten Hang und dann begleitet vom Klappspaten. Viele Tiere haben wir heute am Nachmittag nicht mehr gesehen, dafür haben uns schon wieder die Mücken gefunden, was insbesondere mit einem freigelegten „Popo“ ziemlich unangenehm ist. Auch wenn sie hier nicht so zahlreich sind, wie an den beiden letzten Tagen. Aufgrund meiner „Schnotternase“ verziehe ich mich ziemlich zeitig ins Zelt, und versuche mich gesund zu schlafen. Intern haben wir diesen Ort Beaver Creek genannt, einen offiziellen Namen dafür kennt nicht mal Google. Und eigentlich dürfte es ihn dann ja nicht mal geben. Aber hier oben gibt es auch viel mehr Seen und Tümpel als Menschen. Da bleibt eben nicht für jeden ein eigener Name. In Nepal hat ja nicht mal jeder 6000er einen, beides ist in ihren jeweiligen Gebieten einfach „zu gewöhnlich“.