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13. Reisetag        Marrakesch - 29.09.2023

 

Heute, an unseren letzten vollen Tag auf unserer Reise durch Marokko, steht eigentlich nur noch ein Punkt in unserem Reiseprogramm, eine Stadtbesichtigung von Marrakesch. Auch hier begleitet uns nicht unser Reiseleiter, der eine Ausbildung zum Bergführer hat, sondern ein lokaler Stadtführer. Unser erster Stopp ist die Koutoubia-Moschee im Zentrum der Stadt. Sie ist die große Freitagsmoschee, und bietet mit ihren 90x60m Platz für tausende Gläubige. Mit ihrer Fertigstellung erlangte Marrakesch im 12. Jahrhundert die Stadtrechte. Es wird angenommen, dass an ihrem Platz zuvor eine andere möglicherweise niemals fertiggestellte Moschee gestanden hat. Von dieser stammen auch die Sockel zahlreicher Säulen, die bis heute in direkter Nachbarschaft zur Moschee verblieben sind. Ungewöhnlich ist, dass sich die Moschee nicht direkt in der Medina befindet, sondern ein bisschen versetzt auf einer Freifläche steht. Außerdem ist sie als eine von wenigen in Marokko mit Steinen gemauert worden, und eben nicht mit Stampflehm erbaut worden. Beeindruckend ist ihr rund 70m hohes Minarett, das auf allen vier Seiten ein bisschen unterschiedlich aussieht. Selbst die Fenster sind in jeweils unterschiedlicher Höhe angebracht, was Licht in den Treppenaufstieg lassen soll. Die quadratischen Grundmaße des Minaretts mit einem Verhältnis von 1:5 zur Höhe und die Mosaik-Verzierungen oben gelten seit damals als Vorbild für viele Moscheen in Marokko. Um die vier goldfarbenen Kugeln auf der Spitze rankt sich das Gerücht, dass sie aus dem Schmuck der Frau des Sultans gefertigt worden sind, was wohl ein bisschen zweifelhaft ist. Sicher ist aber, dass sie heute nicht aus Gold bestehen. In Marrakesch darf, um den Ruf des Muezzins nicht zu stören, kein Gebäude höher als das Minarett der Kououbia-Moschee sein, was auch der Grund für die große Flächenausdehnung von Marrakesch ist.

Den Bereich des Königspalasts mussten wir auf unserer Stadtbesichtigung dann auslassen, da er zumindest aktuell nicht geöffnet ist. Vielleicht liegt das auch daran, dass mindestens an der umgebenden Mauer ein paar Beschädigungen beim Erdbeben vom 08.09.23 entstanden sind. Es sind zahlreiche Arbeiter dabei, die Beschädigungen vor allem an der Mauerkrone zu reparieren, und noch ein bisschen Schutt zu entsorgen. Die Stadtführer sind offensichtlich auch instruiert, die Touristen an den Schäden ein bisschen vorbei zu führen, was aber nicht immer komplett gelingt. So sehen wir auf unserem Weg in die Medina über den Djemaa el Fna, im Mittelalter Markt- und Henkersplatz, noch ein Haus, bei dem das Dach und die Fassade deutlich beschädigt ist. Aber auch hier sind schon Arbeiter bei der Sanierung des Schadens. Auf Deutsch übersetzt bedeutet der Name des Platzes übrigens sinngemäß Versammlung der Toten. Der Platz ist bis heute Marktplatz, auch wenn jetzt am Vormittag nur ein paar durchnummerierte Stände aufgebaut sind, an denen man allerlei frisch gepresste Säfte erstehen kann. Auch auf unserem Weg hier nach Marrakesch haben wir ein paar vereinzelte grüne Zelte gesehen, die vom Staat an Familien gegeben worden sind, deren Haus als Folge des Erdbebens nicht mehr bewohnbar ist. Später am Nachmittag sehe ich noch ein Haus in der Medina, das komplett eingestürzt ist. Die kleine Gasse davor liegt voller Schutt, und ist logischerweise abgesperrt. Davor stand dann noch ein schwer bewaffneter Polizist, bei dem ich nicht das Gefühl hatte, dass er es gutheißen würde, wenn ich davon ein Foto machen würde. Fairerweise muss man aber auch sagen, gefragt haben ich ihn auch nicht. Alle Familien, deren Haus in Folge des Erdbebens beschädigt worden ist, erhalten als staatliche Hilfe umgerechnet etwa 8000 Euro, alle deren Haus nicht mehr bewohnbar ist, erhalten eine Unterstützung von 18000 Euro für den Wiederaufbau. Gerade hier in Marrakesch ist man wegen der in der nächsten Woche stattfindenden internationalen Konferenz des Weltwährungsfonds sichtlich bemüht, die Spuren des Erdbebens schnellstmöglich zu beheben, und in der Außendarstellung ein Bild der Normalität zu zeigen, und zu beweisen, dass man alles Nötige nach dem Erdbeben selbst längst umgesetzt hat. Bei dem Erdbeben kamen nach offiziellen Zahlen über 2900 Menschen ums Leben. Und obwohl viele Länder wie auch Deutschland und Frankreich ihre Hilfe z.B. bei der Suche nach Opfern und der Versorgung mit Zelten, Wasser und anderem mehr angeboten haben, hat Marokko lediglich von den Ländern Spanien, Vereinigten Königreich, Katar und den Vereinigten Arabischen Emiraten Hilfe angenommen. Die offizielle Version Marokkos dazu war, dass die Koordination der verschiedenen Organisationen bei der Hilfe, und dann auch wieder die Versorgung der Helfer selbst zu viele Kapazitäten binden würde, und man ohnehin selbst wüsste, was zu tun ist. Wie die Zustände im Magnitude-Zentrum, etwa 75Kilometer südwestlich von Marrakesch, des Erdbebens mit einer Stärke von 6,8 sind, kann ich logischerweise nicht realistisch einschätzen. Aber die Gegend ist weit weg, und eher von armen Kleinbauern geprägt, die in Häusern aus Stampflehm leben. Die Infrastruktur ist schlecht, und die Gegend im Hohen Atlas relativ unzugänglich. Und die erste offizielle Reaktion des Königs, und unumschränkten Staatsoberhaupts, wurde etwa 24 Stunden nach dem Beben veröffentlicht. Die Hilfe der vier besagten Länder nahm Marokko dann erst nach 48 Stunden an. Sogar Algerien, mit dem Marokko seit dessen Unabhängigkeit im Dauerstreit incl. Scharmützeln an der gemeinsamen Grenze lebt, hat unverzüglich den eigenen Luftraum für zivile Hilfsflüge auf den Weg nach Marokko freigegeben. Normalerweise ist dieser wegen der Streitigkeiten zwischen den Ländern gesperrt. Der König selbst hatte sich übrigens am 01.09. in sein 80 Millionen Anwesen nach Paris begeben, offiziell zur Behandlung einer Immunerkrankung. Insgesamt verbringt er etwa 200 Tage im Jahr im Ausland, und dann zumeist in der französischen Hauptstadt. Und wenn man einem Bericht der Süddeutschen Zeitung vom 12.09.23 glauben darf, dann hat er vorsichtig formuliert zweifelhafte Freunde, und sein Interesse an seinem Land erscheint inzwischen eher begrenzt. Ähnliches findet man auch an anderer Stelle etwa der FAZ. Dabei galt er, als er nach dem Tod seines Vaters, der mit sehr harter Hand regierte, König wurde, als modern eingestellt. Er stieß auch einige für die arabische Welt durchaus geradezu revolutionäre Reformen an, wie das Recht auf Scheidung von Frauen, aber auch in der gesamten Modernisierung des Landes traf er zukunftsgerichtete Entscheidungen. Man hat fast ein bisschen das Gefühl, er wurde in ein Familienunternehmen hineingeboren, und wird es jetzt nicht mehr los, obwohl er längst die Lust daran verloren hat. Dabei sagt man ihm und seiner Familie inzwischen ein Milliardenvermögen nach, nicht schlecht für einen Monarchen, dessen Bevölkerung auf dem UN-Wohlstandsindex auf Platz 123 steht. In das Erdbebengebiet fuhr er erst am 12.09., also vier Tage nach dem Unglück. Und in der ersten Meldung, wie gesagt 24 Stunden nach dem Erdbeben, gab es im Fernsehen ein stummes Video im Fernsehen, das den König zusammen mit seinem Sohn, Ministern und hohen Militärs zeigt. Dazu kam die Information, das der König „erleuchtende Anweisungen“ für die Koordination der Hilfe gab. Trotzdem waren zumindest offiziell alle Marokkaner, mit denen wir über das Erdbeben und dessen Folgen gesprochen haben, voll des Lobes für den König. Und das gilt sowohl im Allgemeinen, als dann auch mit dem Krisenmanagement. Man hat Verständnis dafür, dass der König wegen seiner Krankheit so viel Zeit im Ausland verbringen muss. Und die Entscheidungen des Königs waren nahezu alle sehr gut, nicht nur jetzt bei der Bewältigung der Folgen des Erdbebens. Ob die Aussagen nun aus Überzeugung, oder weil man ein geeintes Marokko vermitteln wollte, zu Stande kommen, kann ich natürlich letztlich nicht wirklich einschätzen. Aber die Argumente z.B. bei der Bewältigung der Folgen des Erdbebens waren fast durchweg sehr nahe an der offiziellen Version der Regierung. Es mögen auch Gesetze in Marokko eine Rolle spielen, die vorsichtig formuliert, nicht unbedingt dazu anregen, die Aussagen und das Handeln des Königs zu kritisieren. Eben diese Gesetze mögen auch dazu beigetragen haben, dass auch sonst keine offizielle Stellungname zum Erdbeben und deren Folgen von der Regierung kam, bevor sich nicht der König als Staatsoberhaupt geäußert hat. An der Stelle vielleicht auch noch ein paar Sätze zum Erdbeben selbst. Wie schon gesagt, war das Epizentrum im Hohen Atlas, aber eigentlich nicht an der „Knautschzone“ zwischen der Europäischen und der Afrikanische Kontinentalplatte. Die Platten schieben mit einer Geschwindigkeit von etwa 5mm pro Jahr aufeinander zu. Das Atlas Gebirge ist ein Ergebnis dieser tektonischen Verschiebung, bei der sich die Platten aufeinander schieben. Und jetzt wurde der Druck dieser Auffaltung so groß, dass er sich in dem Erdbeben entladen hat. Wegen der niedrigen Geschwindigkeit bei der Verschiebung passiert das nur sehr selten, auch wenn es an anderen Stellen in Marokko relativ regelmäßig Erdbeben gibt, sind sie hier selten.

Wo ich hier heute schon ein bisschen entgegen meiner sonstigen Gewohnheiten in meinen Reiseberichten auch in der aktuellen Politik herum rühre, gibt es noch ein paar Aspekte, die in diesen Kontext gehören. Wie oben beschrieben, hat Marokko überhaupt nur von vier Ländern Hilfe bei der unmittelbaren Bewältigung der Folgen des Erdbebens angenommen. Und wie es der „Zufall“ so will, sind das alles welche der wenigen Länder, die anerkannt haben, dass die West-Sahara zum Staatsgebiet von Marokko gehört. Ursprünglich ist das Gebiet von Spanien als Kolonie besetzt worden. Nach dem Rückzug der Spanier 1975 haben es zunächst Mauretanien und Marokko kurzerhand untereinander aufgeteilt. Das in dem Gebiet lebende Volk der Sahrawi wollte stattdessen einen eigenen Staat errichten, man gründete die Unabhängigkeitsbewegung Polisario, die anfangs auf dem Verhandlungsweg und später in einem blutigen Guerillakrieg ihr Ziel durchzusetzen versuchte. Sie gründeten den unabhängige Staat Demokratische Arabische Republik Sahara. Mauretanien gab auf dem Verhandlungsweg schnell seine Ansprüche auf, was aber nur dazu führte, dass Marokko das ganze Gebiet für sich beanspruchte. Die Sahrawi konnten in der Auseinandersetzung auf die Unterstützung Algeriens bauen. Marokko wiederum hatte nach der eigenen Unabhängigkeit von Frankreich 1956 Algerien in dessen Unabhängigkeitskampf gegen Frankreich unterstützt. Marokko wollte nach dem Sieg der Algerier, die alten historischen Grenzen zwischen Marokko und Algerien wiederherstellen, und die von den Franzosen auf der Landkarte gezogene Grenze wieder aufheben. Das hätte bedeutet, dass etwa 1/3 des heutigen Algerien an Marokko gefallen wäre. Einen schriftlichen Vertrag darüber gab es nicht. Nach dem Sieg der Algerier gegen die Franzosen wollten die von dem Ansinnen der Marokkaner zur Grenzziehung nichts wissen. Daher rühren bis heute auch noch die Scharmützel an der Grenze zwischen diesen beiden Ländern. Und nun unterstütze Algerien die Sahrawi im Kampf gegen Marokko. Schließlich zog Marokko 1984 einen 2700 km langen verminten Grenzstreifen durch das umstrittene Gebiet in der West-Sahara. Im Jahre 1991 wurde schließlich unter Vermittlung der UNO ein Waffenstillstand geschlossen. Der Kompromiss sah eine Volksabstimmung in dem Gebiet darüber vor, ob man zu Marokko gehören wollte, oder zum Staat Demokratische Arabische Republik Sahara, der aktuell nur aus einem kleinen nahezu unbewohnten Streifen Wüste besteht, und nur über eine Exil-Regierung verfügt. Inzwischen wird dieses Gebilde auch nur noch von 46 Staaten anerkannt. Bis heute hat diese Volksabstimmung nicht stattgefunden. Marokko und die Sahrawi sind uneins darüber, wer wahlberechtigt ist. Marokko ist der Meinung, alle die heute dort wohnen, nach Ansicht der Sahrawi nur wer 1975 in dem Gebiet gewohnt hat bzw. deren Nachkommen. Worum geht es letztlich dabei? Das Gebiet ist etwa 266.000 Quadratkilometer groß, und es sollen knapp 550.000 Menschen dort leben. Davon sind etwa 150.000 Angehörige der marokkanischen Armee. Dann gibt es, auch durch Marokko gefördert, 300.000 Einwohner mit teilweise marokkanischen Wurzeln, und etwa 105.000 Sahrawi. Darüber hinaus leben noch etwa 180.000 Sahrawi in fünf Flüchtlingscamps in der algerischen Wüste, die mehr schlecht als recht von Algerien mit internationaler Hilfe versorgt werden. Tatsächlich geht es aber weniger um die Fläche oder die Menschen, sondern um wirtschaftliche Interessen. Vor der Atlantikküste gibt es reiche Fischgründe, und vor allem gibt es dort die große Phosphatmine Bou Craa, die alleine etwa 10% der weltweiten Menge an Phosphatgestein fördert, dass später in der Düngerindustrie Verwendung findet. Das Gestein wird übrigens mit dem längsten Förderband der Welt über eine Strecke von 100km zum Hafen von El Aaiún transportiert. Auch ohne Bou Craa ist Marokko der größte Phosphatproduzent der Welt. So beutet Marokko in der West-Sahara aktuell die Bodenschätze aus bzw. nutzt die Fischbestände, wobei hier häufig vor allem Fangquoten meist an europäische Fischer verkauft werden. In den Flüchtlingscamps in Algerien aber auch bei den übrigen Sahrawi gehrt es in den letzten Jahren wieder zunehmend, insbesondere die junge Generation fühlt sich von Marokko um ihre Zukunft betrogen. Es gibt wieder lauter werdende Stimmen, die erneut zu den Waffen greifen wollen. Als Randnotiz sei noch erwähnt, dass die marokkanischen Fischer kaum mit den modernen Fischereischiffen aus der EU vor der marokkanischen Küste konkurrieren können. Die Meere gelten als zunehmend überfischt. So werden die Fischer in Marokko immer weniger, dafür sind vor allem Frauen mit dem Pulen von Krabben beschäftigt, die zunächst auf langen Transporten zuerst nach Marokko gekarrt werden, und dann später wieder zurück in die Herkunftsländer wie etwa Deutschland.

Bei unseren Gesprächen mit Marokkanern waren diese übrigens sehr Stolz, welche Entwicklung das Land in den letzten 15 Jahren genommen hat. Man sieht sehr gute Chancen bei der Stromproduktion aus Erneuerbaren Energien. Man hat ein riesiges Potential bei Solarenergie, aber auch bei der Windenergie gibt es insbesondere an der Atlantikküste nahezu ideale Bedingungen. Man baut den Tourismus weiter aus, was mehr Devisen ins Land bringt, und Arbeitsplätze schafft. Gleichzeitig steigt auch die Industrieproduktion. Insbesondere im Automobilbau ist man inzwischen nach Südafrika der zweitgrößte Produzent auf dem Kontinent. Wesentlich voran gekommen ist man dabei durch die Fabriken der beiden französischen Hersteller Renault und Peugeot, der heute in Stellantis aufgegangen ist. Und die Erfolge der letzten Jahre sind auch deutlich, so hat sich das Bruttosozialprodukt in den letzten 20 Jahren mehr als verdoppelt. Der Anteil an produzierten bzw. weiterverarbeiteten Gütern steigt, man verkauft nicht mehr nur landwirtschaftliche Produkte oder auch Rohstoffe. Die Wertschöpfungskette verlängert sich. Ein bisschen speziell ist dabei, dass daran häufig französische Firmen beteiligt sind. Gleichzeitig ist die Meinung der einfachen Leute zu Frankreich ein bisschen zwiespältig. Auch das muss wieder vor der Geschichte gesehen werden. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts unternahm Deutschland Versuche Marokko stärker an sich zu binden, was Frankreich mit politscher Unterstützung aus Großbritannien zu verhindern suchte. Später entsendete Frankreich zur Manifestierung des eigenen Anspruchs Truppen ins Land, was Spanien seinerseits veranlasste ebenfalls Truppen in angrenzende Gebiete zur Straße von Gibraltar und einige Inseln zu entsenden. So war in Marokko zwar offiziell der Sultan weiter das Staatsoberhaupt, aber die Macht lag bei den Franzosen. Sie erklärten Marokko zu ihrem Protektorat. Die Hauptstadt wurde nach Rabat verlegt. Französische Firmen breiteten sich im Land aus, und französisch wurde Amtssprache. Erst 1956 wurde Marokko dann wieder unabhängig. Aber ein wesentlicher wirtschaftlicher Einfluss Frankreichs blieb. So haben viele in Marokko das Gefühl, dass das Land bis heute von Frankreich ausgebeutet wird. So denkt man offensichtlich heute eher abschätzig über Frankreich, auch weil es bis heute in ehemaligen Kolonien und Protektoraten in Afrika militärisch auftritt, und sich aus Sicht der normalen Marokkaner auf der Straße scheinbar wie ein „Aufpasser“ verhält, und auch in vielen ehemaligen Kolonien und Protektoraten militärische Basen unterhält, und dann bei Konflikten innerhalb des Landes auch „gerne“ eingreift. Oder auch mal scheinbar im Hintergrund Strippen zieht. Wie das zuletzt etwa in Mali, Niger oder Burkina Faso mit eher mäßigem Erfolg geschah. Viele Marokkaner glauben, dass dies auch die Menschen in diesen Ländern als Bevormundung empfinden, und Frankreich auch alleine schon deshalb ablehnen. Bis heute unterhält Frankreich in mehreren Ländern wie dem Senegal, der Elfenbeinküste oder im Tschad Militärbasen. Und auch in Marokko ist Französisch, obwohl keine Amtssprache, allgegenwärtig im Land. So pflegen viele Entscheidungsträger in Marokko auch heute noch enge Kontakte zu Frankreich. Auch auf vielen Straßenschilder stehen die Namen noch in französischer Sprache. Und auch der industrielle Aufstieg der letzten Jahrzehnte wurde ganz wesentlich von französischen Investitionen getragen. Auch stellen die Franzosen bei weitem die größte Gruppe bei den ausländischen Touristen. So ist es für die Marokkaner scheinbar auch ein bisschen eine Hassliebe, man will eigentlich nicht, aber kann auch nicht ohne.

So jetzt habe ich eine weite Schleife durch die Politik und die jüngere Geschichte, und auch ein bisschen durch das von mir subjektiv aufgenommene Seelenleben der Marokkaner gedreht, Zeit auch mal wieder auf meinen letzten Tag im Land zurück zu kommen. Wir kommen bei unserem Rundgang durch die Medina von Marrakesch auch am ältesten erhaltenen Gebäude von Marrakesch aus dem elften Jahrhundert vorbei. Dabei handelt es sich um eine Anlage zur religiösen Waschung vor dem Gebet. Sie befindet sich einige Meter unter dem normalen Straßenniveau, an einem der alten unterirdischen Wasserkanäle. Mit deren Hilfe wurde das Wasser früher aus dem hohen Atlas unterhalb der Stadt durch kilometerlange Leitungen an verschiedene Orte in der Stadt gänzlich ohne weitere Hilfe transportiert. Von dort geht es für uns zur Madrasa Ben Yousef Koran Schule. Auch sie verfügt über einen großen Innenhof mit einem großen Wasserbecken für die religiösen Waschung vor dem Gebet. Wie etwa schon in Fes ist das Gebäude innen sehr reichhaltig mit Keramik, Carrara-Marmor, Stuckarbeiten bis hin Zedernholz-Schnitzereien verziert. Zu der Anlage, die von außen recht unauffällig aussieht, gehören mehrere hundert, manche Angaben sprechen von 600 andere von 900, Studierzimmer. Diese Räume sind keine 10 m² groß, und dienten als Übernachtungsmöglichkeit für die Studenten, aber gleichzeitig auch um sich zum Lesen oder auch Verfassen von Schriften zurückzuziehen. Alle Räume und selbst der große Innenhof ist dabei relativ kühl, und dass das ganze Jahr über. Das liegt auch hier an der besonderen Architektur, mit mehreren kleinen überdachten Innenhöfen, über die die warme Luft aufsteigen und dann oben unterhalb des Dachs entweichen kann. Als Abschluss der Stadtführung gehen wir dann noch zu einem Händler von allerhand natürlichen Substanzen, die sich auf verschiedensten Gebieten positiv auf die Gesundheit bzw. das Wohlbefinden auswirken sollen. Was soll ich sagen, der Verkäufer hat einen weißen Kittel übergezogen, was ihm einen Hauch von wissenschaftlicher Expertise verleihen soll, und dann redet er in einer beeindruckenden Geschwindigkeit über seine Produkte. Sicherlich haben einige auch positive Eigenschaften, das will ich gar nicht in Abrede stellen. Aber mir drängt sich dabei der Vergleich mit einer „Butterfahrt“ auf, bei der jemand seine Heizdecken anpreist, als wenn es kein Morgen gibt, und am Ende bekommt derjenige, in unserem Fall unser Stadtführer, eine Provision für die verkauften Heizdecken, pardon natürlichen Ingredienzien. Bei so was stelle ich schon automatisch auf Stur und kaufe nichts. Also lasse ich mich ein halbes Stündchen berieseln, und gebe gerne mein immer noch leeres kleines im Vorfeld zur Sicherheit ausgehändigtes Körbchen zurück. Damit ist die Stadtführung dann auch beendet.

Am Nachmittag gehe ich noch mit einigen Mitreisenden ein bisschen durch den Souk. Wobei nicht alle Geschäfte heute überhaupt geöffnet haben. Gestern war der Geburtstag des Propheten Mohammed, dem Begründer des Islams. Der Tag ist entsprechend ein hoher Feiertag im Land, und alle Schüler aber auch Beamten und die meisten anderen Arbeitnehmer haben frei. Heute ist Freitag, an dem man üblicherweise in die Moschee für die Gebete geht. Deshalb sind auch deutlich weniger Touristen unterwegs, und die Souks sind nicht so gefüllt. Trotzdem geht‘s zuweilen in den Gassen ein bisschen eng zu, wenn die Waren buchstäblich durch die kleinen Gassen gekarrt werden, oder die unzähligen kleinen Mopeds sich hindurchwinden. Insgesamt fällt im Gegensatz zu Fes oder Mekness auf, dass man kaum noch Handwerksbetriebe sieht. Fast alle sind inzwischen Händler von Souvenirs oder auch einigen Dingen des täglichen Bedarfs bis hin zu Gewürzen, Tees, Oliven oder auch Körben und Gewändern. Gegen Abend sichern wir uns dann noch einen Platz auf einer der Dachterrassen, von denen man einen guten Blick über den Djemaa el Fna, also dem großen Markplatz zwischen Koutoubia Moschee und der Medina, hat. Gegen 17:00 Uhr nach dem großen Nachmittagsgebet füllt sich der Platz plötzlich mit zahlreichen Ständen und Garküchen. Auch sie werden mit Karren herangeschafft, und dann blitzschnell aufgebaut. Kaum eine halbe Stunde später fängt man bereits an zu brutzeln. Außerdem finden sich noch einige Schausteller. Es gibt Schlangenbeschwörer, aber auch welche mit mehr oder weniger zahmen Affen, Gruppen mit Trommlern und Tänzern bis hin zu Wasserträgern in historischen erscheinenden Gewändern. Von und mit allen kann man Fotos machen, gegen einen mehr oder weniger kleinen Obolus versteht sich. Und damit geht dann auch die Sonne unter, und unsere Reise neigt sich so langsam dem Ende entgegen.

Hier in Marrakesch ist alles deutlich touristischer als in Fes oder Meknes, den beiden anderen Königsstädte, die wir besucht haben. Dort gehörte es schon aus Respekt vor der marokkanischen Kultur dazu, sich angemessen mit Kleidung zu bedecken, also keine kurzen Hosen, und Frauen sollten sich nicht zu offenherzig zeigen. Das ist hier in Marrakesch bei den meisten Touristen eher nicht angekommen. Dafür kann man hier nahezu überall mit Kreditkarte zahlen. Oder wie am Abend das Essen auch gemischt mit den (fast) letzten Dirham und Euro gemischt.