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4. Reisetag Alftalavatn – 13.08.2017

Die Zeiten fürs Frühstück und den Aufbruch bleiben wie gestern also 8:00 Uhr und 9:00 Uhr. Nur müssen wir heute unsere Zelte abbauen, da geplant ist, das Gepäck auch schon mit zum Küchenzelt zu bringen, bauen wir auch unsere Zelte vor dem Frühstück ab. Wie immer braucht es beim ersten Mal ein bisschen, aber da wir relativ zeitig im Bett waren, sind die meisten auch heute Morgen schon zeitig unterwegs. Alles läuft wie geplant, und auch die Schlange vor den Toiletten sind heute gefühlt etwas kürzer als gestern. So kommen wir nahezu pünktlich los. Das erste Stück des Weges kennen wir schon vom Vortag. Doch heute geht es auf dem Laugavegur, einem der großen bekannten Wanderwege in Island, weiter zum nächsten Camp. Laut der Tourenbeschreibung ist heute mit 24 km eine der beiden Königsetappen auf dem Programm. Die Gehzeit ist mit 9 Stunden veranschlagt. Das erste Stück hat ein paar Steigungen parat, so dass wir nach etwa 1 Stunde bereits mehr als 200 Höhenmeter hinter uns haben. Es geht weiter durch diese beeindruckende Landschaft mit ihren intensiven Gelb- und Ockerfarbtönen. Unterwegs kommen wir auch wieder an einigen Fumarolen vorbei, also jenen Öffnungen, aus denen ständig ein Gemisch aus schwefelhaltigen Gasen und Wasserdampf austritt. Neu ist, dass man sie auch brodeln hört. Je weiter wir in Richtung Hrafntinnusker kommen, desto mehr wechselt die Landschaft in eine relativ flache Ebene, deren Untergrund vor allem aus schwarzer Vulkanasche gesprenkelt mit einigen Schneefeldern besteht. Wir befinden uns hier auf einer Höhe von knapp 1000 m, und doch kann sich der Schnee hier an einigen geschützten Stellen das ganze Jahr halten. Dafür verantwortlich ist nicht unwesentlich der eisige Wind, der von den Gletschern der Umgebung kommt. Auch wir müssen über eines dieser im isländischen Sommer sulzigen Schneefelder gehen, was entsprechend ein bisschen beschwerlich ist. Dafür findet sich der Weg sehr leicht, da er durchgehend mit Holzflocken markiert ist. So überschreiten wir einen kleinen Pass mit einer Höhe von 1080 m, was nicht nur rund 500 m über unserem Startpunkt in Landmannalauga liegt, sondern auch der höchste Punkt am heutigen Tage ist. Unmittelbar dahinter liegt dann Hrafntinnusker, eine Schutzhütte etwa auf dem Scheitelpunkt unserer heutigen Tagesetappe. Wie bei nahezu allen Schutzhütten in der Gegend, gibt es auch hier Zugang zu einer warmen Quelle. Auch wenn es hier keinen Hotpot gibt, wie noch in Landmannalauga. Aber wir wollen ja ohnehin noch weiter. Zunächst geht es hier über ein Hochplateau mit einer Höhe von ca. 900 m. An dessen Ende ist noch mal wieder eine relativ steile Steigung von 70 Höhenmetern zu meistern. Auch wenn man hier wieder ziemlich im Wind sitzt, so nutzen wir auch diesen Punkt wieder für eine weitere Pause, nicht zuletzt um die grandiose Landschaft zu genießen. Von hier ist es nur noch ein kleines Stück, bis wir auch unseren heutigen Zielort Alftalavatn sehen können. Auch wenn es bis dahin noch etwa 6 km sind. Genau genommen sieht man auch nicht einmal den Campingplatz selbst, sondern den großen gleichnamigen See unmittelbar dahinter. Der erste Teil des Abstiegs dorthin ist relativ steil. Auf einem relativ festen glatten Untergrund befindet sich allerhand Geröll, was den Abstieg an einigen Stellen ein bisschen tückisch macht. Doch augenscheinlich geht es für uns hier in eine grüne Oase. Während es rund um Landmannalauga allenfalls ein bisschen Moos gab, oder aber den puren Felsen, findet sich hier auch eine erstaunliche Pflanzenvielfalt. So ist es landschaftlich hier gegenüber unserem Startpunkt eine völlig neue Welt. Doch bevor wir unseren neuen Campingplatz erreichen, müssen wir noch einen Wasserlauf überqueren. Je nach Wasserstand muss dieser gefurtet werden, oder aber kann an einigen Stellen zeitweise auch über einige im Wasser liegende Steine überquert werden. Wir haben Glück, und finden eine dieser Stellen auf der wir unter Zuhilfenahme der Trekkingstöcker sicher ans andere Ufer kommen. In Alftalavatn bzw. dem letzten Stück dorthin herrscht wieder Moos und nur noch wenig übriges Pflanzengut als Bewuchs vor. Der Untergrund besteht vor allem aus schwarzer Lavaasche und ein bisschen Geröll. Gegen 17:00 Uhr erreichen wir schließlich das Camp. Das Küchenzelt ist bereits aufgebaut, und warmes Wasser für Tee oder Kaffee steht schon bereit. Einige von uns, ich auch, ziehen es allerdings vor, zuerst das eigene Zelt aufzubauen, da sich aus der Richtung, aus der auch wir gekommen sind, einige dunkle Wolken heranschieben. Wie sich aber herausstellt, ziehen diese harmlos über uns hinweg. Allerdings haben wir beim Zeltaufbau gewisse Probleme diese nach dem Wind auszurichten. Der scheint hier obwohl relativ kräftig doch des Öfteren die Richtung ein bisschen zu wechseln. Da die frühen Aufbauer relativ weit in Richtung des Sees gegangen sind, ist der Untergrund hier deutlich weicher und praktisch ohne größere Steine, anders als noch in Landmannalauga. Außerdem befindet sich noch eine kleine Bodenwelle zwischen den Hütten und unseren Zelten. Die anderen bauen ihre Zelte dichter bei den Hütten auf, was natürlich bedeutet das Hauptgepäck nicht so weit transportieren zu müssen, dafür ist der Untergrund dort deutlich härter, und auch ein paar Steine sind dort zwangsläufig unter den Zelten. Normalerweise ist es so, dass man sich bei den Hütten anmeldet und auch die Zeltplatzgebühr entrichtet. Danach kann man sich den Zeltplatz relativ frei, natürlich nur innerhalb eines gewissen Bereichs, aussuchen. Bei uns ist die Registrierung schon im Vorfeld durch den Veranstalter geregelt. Unser Abendessen ist wieder für 19:00 Uhr geplant. Noch beim Abendessen beginnt es draußen ein bisschen zu tröpfeln. So schieben wir das Abwaschen noch ein bisschen hinaus. Auch wenn der Regen noch sehr gemäßigt fällt, so hört es sich auf dem Zelt doch schon ein bisschen dramatisch an. Und außerdem ist es im Küchenzelt immer noch warm, während es draußen ein bisschen regnerisch ist und der Wind zunehmend auffrischt. Irgendwann gehe ich aber dann doch, und freue mich, mich dann in meinen Schlafsack zu verkriechen, denn irgendwann ist auch die Wärme aus dem Küchenzelt entwichen.

Noch ein kleiner Exkurs, zu einer Veranstaltung, die auf dem Laugavegur alljährlich stattfindet: Der Laugavegur Ultra Marathon. Er führt etwa auf dem Weg entlang, von dem wir heute die erste Etappe in 8 Stunden gegangen sind. Er hat eine Länge von 55 km und findet üblicherweise Mitte Juli statt. Laut der Beschreibung müssen Teilnehmer mit Temperaturen von 7° bis 8 °C rechnen. Und natürlich gibt es auch Mindestzeiten, die erreicht werden müssen, damit man diesen Ultra Marathon weiter bestreiten darf. Die sehen vor, dass man es in höchstens 4 Stunden bis nach Alftalavatn geschafft haben muss. Der nächste Kontrollpunkt befindet sich in Emstrur, das liegt etwa bei Kilometer 38. Hier beträgt das Zeitlimit 6 Stunden. Um aber gewinnen zu können, muss man noch einmal deutlich schneller sein. Die Siegerzeit bei den Männern lag in diesem Jahr bei 4 Stunden 13 Minuten und 25 Sekunden, bei den Frauen bei 5 Stunden 12 Minuten und 1 Sekunde. Die schnellste jemals gelaufene Zeit liegt aktuell bei knapp unter 4 Stunden. Die Siegprämie beträgt derzeit 100.000 ISK (isländische Kronen). Um an diesem „zauberhaften“ Event teilnehmen zu dürfen, ist zunächst ein Nenngeld von umgerechnet etwa 275 Euro (Stand 2017) fällig. Da man aber ja auch noch zum Startpunkt kommen muss, kommt noch der „Rennbus“ von Reykjavik und danach auch wieder zurück dazu – 110 Euro. Die meisten Teilnehmer reisen übrigens erst in der Nacht vor dem Rennen an, das bedeutet vor dem eigentlichen Lauf noch mal rund 3 - 4 Stunden Busfahrt. Die Alternative ist am Tag zuvor anzureisen, und die Nacht im eigenen Zelt in Landmannalauga zu verbringen. Und möchte man dann noch ein Frühstück vor und eine warme Speise nach dem Rennen vom Veranstalter in Anspruch nehmen, kommen noch mal 35 Euro hinzu. Unterwegs soll es wohl auch heute noch nur kaltes Wasser, ISO-Getränke (auch kalt) und Bananen geben. Warmer Tee oder ähnliches ist nicht vorgesehen. Ich erinnere noch mal, die Temperaturen sind typischerweise unter 10°C, und auch Regen oder Hagel mit dem typischen kalten Wind sind immer möglich. Ach ja, der Veranstalter bemüht sich darum, jedem Teilnehmer die Möglichkeit zu geben, nach dem Rennen und vor der Fahrt zurück nach Reykjavik eine Dusche zunehmen, ob auch warmes Wasser zur Verfügung steht, kann allerdings nicht garantiert werden. Als Goodie bekommt man dann noch kostenlos ein Langarmshirt dazu. Wer von diesem Angebot überzeugt ist, kann sich normalerweise ab Mitte Januar dafür anmelden. Für die letzten Zweifel habe ich Internet noch einen Bericht eines Teilnehmers gefunden, den ich hier nicht vorenthalten möchte (Quelle: http://www.marathon4you.de/laufberichte/special-event/laugavegur-ultramarathon/343 )

Laugavegur-Ultramarathon

Autor: Bernhard Sesterheim
Ich fürchte stark, zum Wallach zu werden
Island, 15.7.2006

Schon immer wollte ich mal nach Island reisen, in das Land, das geogeschichtlich sich noch in der embryonalen Entwicklungsstufe befindet, von ursprünglichen, unvergleichlichen und archaischen Naturlandschaften geprägt wird und dessen Bewohner vor über 1.000 Jahren und somit 500 Jahre früher als Columbus rudernder weise Amerika entdeckten.

...  Am nächsten Morgen erreichen wir nach dreistündiger Busfahrt so gegen 8.00 Landsmannlaugar, den Startplatz des Ultramarathons. Der Platz befindet sich unmittelbar hinter einer aus Bims bestehenden dunkelgrauen Bergwand. Es gibt hier einige Wanderhütten, einen Campingplatz und heiße Quellen, die zum Baden einladen. Der Wind wird vom Berg gebremst und dennoch, es ist kalt, es regnet und ich trage eine Fliesjacke ohne Handschuhe, im Rucksack habe ich noch eine wasserdichte Jacke und habe kurze Hosen an, getreu den Vorbildern aus der Diashow des vergangenen Jahres…

Ich treffe auf Norbert Fasel aus Münster, der schon eine Woche hier ist, und auf meine Frage, wie Ihm Island so gefällt, muß ich hören: „Ja so richtig nicht wirklich, das Wetter… und man muss schon ein ganz großer Freund von Moosen und Flechten sein…“

Ca. 150 Läufer sind zum Start bereit und es gibt mit Sicherheit weniger als 10, die kurz laufen, so wie ich, was mich jetzt doch nachdenklich stimmt ...

Pünktlich fällt der Startschuss und wie immer setzt sich die Läuferschar enthusiastisch und frohgemut in Bewegung. Es geht nun auf einem schmalen Pfad einen steilen Berghang mindestens 150 Höhenmeter nach oben. Ganz weit hinten habe ich mich aufgestellt und laufe langsam los, in der Erwartung, dass es ja doch bald wieder zu Rückstaus kommt, was auch tatsächlich so sein wird. Im Moment ist es nahezu windstill, über mir kann ich aber Wolkenfetzen jagen sehen, womit mir klar wird, dass nach Überwindung des Bergkamms, wir den Wind spüren werden.

Nach wenigen Minuten Berglauf rinnt mir schon der Schweiß von meinem bekopftuchten Angesicht und ich denke, dass meine Bekleidung gar nicht so schlecht diesem Rennen angepasst ist, ja ich plane sogar, meine Fliesjacke auszuziehen…

Nach einer gewissen Zeit, ich laufe mal wieder ohne Uhr, erreiche ich den Bergkamm und ein unangenehmer eiskalter Wind bläst mir mit voller Wucht entgegen. Innerhalb Sekunden vollzieht sich die gefühlte Wandlung; es ist wie in einer Sauna, vom Schwitzraum zum Eiswasserbecken! Und … vor mir tut sich eine weite Eis- und Schneelandschaft auf, wo bei der Diavorführung nur vereinzelte Schneefelder zu sehen waren…

Es regnet gegenwärtig nicht und ich beginne mich mit der niedrigen Temperatur und dem Wind zu arrangieren. Ab und an sieht man sogar kleine wolkenfreie Inseln am Firmament, durch die die Sonne strahlt. Um uns herum erkenne ich tief eingeschnittene Täler mit reißenden Bächen und Flüssen in der Bims- und Lavawüste, die von bizarren, meist Schnee bedeckten Bergen umgrenzt werden. Die Bodenfarbe wird von dunkelgrau bis schwarz dominiert und ist fast 100 %ig kahl. Nur an wenigen Stellen kann ich einzelne Sträucher und auch ab und zu Blütenpflanzen erkennen.

Jetzt, so nach 3 – 4 Kilometern hat sich das Läuferfeld schon ganz stark auseinander gezogen, ich habe Sigrid Eichner zwischenzeitlich überholt und Dr. Wolfram Benoist, einen Freund aus meiner Heimatstadt Bexbach, hinter mir gelassen und laufe mit oder in der Nähe von Maria und Rainer Satzinger, einem mir gut bekannten Ehepaar aus dem Frankenland.

Immer größere Schnee- und Eisfelder, die im Tauen begriffen sind, werden überquert. Manche Eiswächten sind nur wenige cm dick, darunter sind teilweise mehrere Meter tiefe Hohlräume und man kann darauf Fußspuren von vor mir vorbei gekommenen Läufern ersehen… Sofort erkenne ich die reale Lebensgefahr und laufe kleine Umwege, Maria und Rainer tun das Gleiche. Einige Kilometer geht es weiter so, viel im nassen, tiefen Schnee, der ein schnelles Laufen nicht gestattet, in frischer, wahrscheinlich völlig keimfreier Luft.

Hinter einer Senke ändert sich das schlagartig. Ein unangenehmer, beißender und Schwindel erregender Geruch; ein Deja-vue-Erlebnis, in meiner Kindheit machte ich damit Bekanntschaft in unmittelbarer Nähe eines Hochofens des Neunkirchener Eisenwerkes. Es ist der Schwefel, der im Stahlwerk künstlich erzeugt wurde, hier aber mit kochend heißem Wasser aus Erdspalten zischend herausspritzt. Die Farbe Gelb gewinnt um diese heißen Quellen und an den von ihnen gespeisten Wasserläufen die Oberhand.

Nach ca. 10 km kommen wir in der halben Höhe eines runter zulaufenden Berges an einer Wanderhütte an. Davor befindet sich eine Verpflegungsstelle, mit einem sehr, sehr bescheidenem Angebot. Es gibt kaltes Wasser, kalte azurblaue Iso-Getränke und Bananen. Kein warmer Tee und von heißen Suppen hat die Rennorganisation trotz eines Startgeldes von 200 € auch noch nichts gehört. Es ist enttäuschend. Vor mir sehe ich in ein oder zwei Kilometer Entfernung eine tiefschwarze Wolkenwand auf mich zurasen….

Die Familie Satzinger sehe ich noch in der Ferne vor mir, da ich doch länger an dem Verpflegungsplatz verweilt habe. Wolfram, erkenntlich an seiner gelben Windjacke, kann ich so einen bis zwei Kilometer hinter mir ausmachen.
Es geht wieder eine steile Anhöhe rauf und es beginnt zu hageln, und die Windintensität hat sich erheblich verschärft… Wie tausend Nadelstiche spüre ich die Eiskörnchen im Gesicht und an meinen mittlerweile von der Kälte tief geröteten Beinen. Meine nicht behandschuhten Hände sind gefühllos und unter meiner Gürtellinie scheint der Ofen aus zu sein. Ich fürchte stark, zum Wallach zu werden.

Der Wind faucht wie zornige Wildkatzen, die Sichtweite beträgt nur wenige Meter und ich versuche mit Tagträumen, dem Inferno zu entkommen. Ich denke intensiv an mein Hitzelauferlebnis vom vergangenen Jahr im Death Valley, und tatsächlich geht es mir besser.

Da immer wieder Anhöhen vor mir auftauchen und ich somit in einen gewissen Windschatten hineinlaufe, verringert sich die Windgeschwindigkeit wieder, um dann nach Erreichen des Bergkamms wieder brutal zu werden und mich zu ohrfeigen. Ein Masochist wäre bei diesem Rennen sicherlich in seinem El Dorado. Für mich als Elebnis-Genußläufer stellt sich jedoch die Sinnfrage jetzt ganz intensiv. Warum nur, warum mach ich das? Vom Über-Ich bekomme ich sofort die Antwort: „Das Ganze ist für Dich nur für eine kurze Zeit unangenehm, später wirst Du gerne daran zurückdenken, und Du wirst stolz sein, standhaft gewesen zu sein und es geschafft haben…“

Es hört jetzt wieder auf zu hageln und auch der Wind ist weniger kratzbürstig und auch die Wegeverhältnisse werden besser. Es gibt keinen Schnee mehr und ich kann jetzt gut joggen. Eine weitere Versorgungsstelle kommt, die allerdings genauso spartanisch wie die erste bestückt ist.

Es ist ein weites Hochtal und in der Ferne sehe ich Rainer und Maria. Ihnen laufe ich nach und habe dabei Glück, denn wenige Kilometer danach werde ich von schnelleren Läufern, die sich verirrt hatten, überholt.

Ich muß nun toilettieren und ich glaube, dafür mindestens 15 Minuten zu benötigen, denn durch meine gefühllosen Hände bekomme ich fast die Hose nicht runter und fast auch nicht mehr hoch. Auch ziehe ich mir jetzt noch im Zeitlupentempo meine wasserdichte Windjacke aus meinem Rucksack an, eine Tätigkeit, die mir ebenfalls endlos lange erscheint.

Noch immer werde ich von schnelleren, sich vorher verlaufenden Konkurrenten überholt. Ich habe zwar etwas von einem Zeitlimit an einer Cut-Off-Stelle gehört, wiege mich aber gefühlsmäßig in Sicherheit….

Wieder geht es über einen steilen Pass hoch und runter. Unten befindet sich ein einsames großes Anwesen mit einer Naturstraße. Die ganze Zeit hatte ich mich größtenteils an den Spuren der vor mir sich befindlichen Läufen orientiert. Jetzt auf dem festen Autoweg sind keine Spuren mehr erkennbar. Hinter einer Kurve sind Stäbe angebracht und ich sehe wieder Fußspuren, die einen steilen Berg hoch führen.Es sind allerdings nur relativ wenige. Erste Zweifel keimen auf, ich mache mich jedoch auf den Weg zum Gipfel. Nach ca. 300 m Emporsteigen macht eine junge Frau in einem Geländewagen mit lautem Hupen auf sich aufmerksam und bedeutet mir mit Handzeichen eine andere Himmelsrichtung, auf der Autostraße entlang. Gott sei Dank, die liebe Frau kam gerade noch rechtzeitig. Nun laufe ich ca. 1 km auf der Straße und gelange dann wieder auf einen Pfad, der mit einem Pfahl gekennzeichnet ist und Spuren starker Läuferfrequentierung aufweist.

Die Gegend ist relativ eben und gut zu laufen und führt nun über eine stark schwankende Holzbrücke, die über ein tief in Felsen eingeschnittenes Flussbett, gut gefüllt mit schäumenden und brodelnden Wassermassen, führt. Die Episode auf der Hängebrücke im Film von Indiana Jones und dem Tempel des Todes kommt mir in den Sinn. Nur werde ich nicht von fanatischen Sektenmitgliedern gejagt… Im Moment geht es mir wieder gut, keine großen Anhöhen sind zu überwinden, die Windjacke, die ich jetzt trage, lässt mich den Wind ertragen und ich komme gut voran. Bald erreiche ich einen Fluss mit schnell fließendem Wasser, das mir über die Knie reicht. Ein Helfer steht davor und bietet mir solche Ganzbeinstiefel an, wie sie oft Angler tragen. Die Enden der Stiefel muss man jedoch mit beiden Händen festhalten. Der freundliche Flußüberquerungshelfer hält mich am Oberkörper fest, denn ohne ihn wäre ich von der Strömung mitgerissen worden… Am anderen Ufer lagern eine ganze Menge Gepäckstücke, von Läufern, die sich hier umgezogen haben oder, wie ich meine, noch umziehen werden. Ich wechsele in Rennen nie die Kleider und habe also keine Gepäckstücke deponieren lassen. Wenig später sehe ich an der Straße ein Geländefahrzeug, indem auch mein Freund Wolfram sitzt. Eijeijei, er hat also aufgegeben.

Es ist nun vollkommen flach und ein gut zu laufender Weg zieht sich mehrere Kilometer in die Ferne, wieder einer größeren Anhöhe entgegen. Jetzt bemerke ich kurz hinter mir einen Läufer ohne Startnummer. Ich frage ihn auf englisch, ob ich nun der Letzte sei. Ja, er wäre der Besenläufer, alle hinter mir wären mittlerweile ausgestiegen….

Es kommt wieder eine schwarze Wolkenwand auf uns zu und es gibt Hagel und Sturm. Karl-Heinz Jost aus Kiel, der in seiner Jugend zur See gefahren ist, wird später behaupten, dass wir Windstärke 9 – 10 gehabt hatten. Mit voller Kraft werfe ich mich dem Wind entgegen und trotzdem komme ich nur ganz langsam voran. An einer Kurve queren wir wieder die Autostraße und dahinter befindet sich wieder ein Mini-Verpflegungsplatz, wo jetzt nur kaltes Wasser angeboten wird. Ein Sanitätsgeländewagen fährt heran, zwei Leute springen heraus und erklären mir, dass ich jetzt mit ihnen fahren kann. Verdutzt nehme ich das zur Kenntnis und erkläre ihnen, dass es mir gut ginge und ich überhaupt nicht daran denken würde, das Rennen abzubrechen. Nun muss ich hören, dass es keinen Sinn mehr machen würde, da die Cut-Off-Stelle in einer halben Stunden schließen würde und bis dahin wären es noch 7 km. Ich atme tief durch und glaube, soeben eine Ohrfeige erhalten zu haben, fange mich aber sofort wieder und erkläre sehr lautstark, dass ich weit von Deutschland angereist wäre, ein fitter und ausdauernder Ultraläufer sei, finishen will und finishen werde. Ja, ich würde am Schluss erfahrungsgemäß wieder Zeit gut machen.
Kopfschüttelnd lassen mich nun die beiden weiterlaufen. Von den widrigen Witterungsereignissen bekomme ich nun mental überhaupt nichts mehr mit. Gegenwärtig gibt es für mich nur ein Ziel, nämlich Finishen, auf Teufel komm raus…

Ich laufe schneller und habe nach wenigen 100 m den Besenläufer tatsächlich abgehängt. Nach ca. 2 Kilometern kommt wieder der besagte Jeep in meine Nähe und mir wird ein neuer Besenläufer auf die Fährte gesetzt. Und … ich kann den Kerl nicht abhängen, er klebt an mir wie eine Klette. Noch immer tobt infernalisch der Wind und schwerer, eiskalter Regen fällt. Es kümmert mich nicht. An einer Anhöhe sehe ich plötzlich einen Läufer vor mir, und sofort bemerke ich sein Schwächeln. Hurra, ich werde also gleich den Besenläufer los sein… Ich beschließe, an der Cut-Off-Stelle einen Haken zu schlagen und einfach daran vorbei zu laufen. Auf die Getränke bin ich nicht angewiesen, denn ich kann aus jedem der zahlreichen Fliessgewässer trinken.

Es geht einen Berg hinab und von weitem sehe ich eine einsame Hütte mit Geländewagen davor. Aha, das muss also der entscheidende Ort sein, und ich versuche auszuweichen. Aber ein Mann mit Funkgerät läuft mir entgegen und reißt mir ohne Worte die Startnummer vom Rucksackgürtel. Ich schreie ihn an und habe das dringende Bedürfnis, ihm einen Kinnhaken zu verpassen, doch die Vernunft kehrt augenblicklich ein. Er wurde per Funk vorgewarnt und handelte auf Anweisung.

Er klopft mir auf die Schulter und führt mich in die Hütte, wo augenblicklich nach Betreten von bekannter Stimme mein Name gerufen wird. Es sind Rainer Satzinger mit Maria. Die Hütte ist mit DNF-lern voll besetzt und wird von einem Ofen beheizt. So langsam kommen die Lebensgeister wieder zu sich, die Hände werden wieder beweglich, die kalten Beine erwärmen sich, und auch die Angst, ein Wallach geworden zu sein, verflüchtigt sich….