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  • Der Avachinsky ist der Hausberg von Petropawlowsk
    Kamtschatka

    Der Avachinsky ist der Hausberg von Petropawlowsk

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6. Reisetag          Tolbatschik – 15.08.2018

Heute ist wieder ein Fahrtag. Wir wollen von Esso zu einem Zeltplatz in der Nähe des Tolbatschik. Das Frühstück ist vorverlegt auf 7:30 Uhr, Abfahrt soll dann gegen 9:00 Uhr sein. Alles verläuft nach Plan, und wir halten bereits kurz vor neun in Esso in der Nähe einer kleinen Bäckerei, um die Brotvorräte aufzufüllen. Dann geht es auch los. Das erste Stück geht es auf dem Weg zurück, auf dem wir auch gekommen sind. Vorbei an einem Wasserkraftwerk mit drei Turbinen von je 570 KW Leistung, die die umliegenden Orte mit Strom versorgen. Zurück auf der Hauptstraße durch Kamtschatka geht es noch ein kleines Stück weiter in Richtung Norden. Wir überqueren dabei noch den Fluss Kamtschatka. Gegen ca. 11:00 Uhr geht es dann in einen kleinen unscheinbaren einspurigen Weg mitten durch den Wald. Wegweiser oder Ähnliches sucht man vergeblich. In dieser „Wildnis“ helfen einem entsprechend nur gute Ortskenntnisse oder aber GPS Koordinaten. Die Wegverhältnisse sind ein bisschen schwierig, aber für unseren Kamaz kein Problem. Auch wenn an der einen oder anderen Stelle das ganze Fahrzeug innerhalb der teilweisen sehr tiefen Furchen auf dem Weg seitlich ein bisschen wegrutscht. Das Problem ist schlicht, dass an einigen Stellen tiefe Fahrspuren mit Wasser gefüllt sind. Und es ist im Vorfeld nicht klar wie tief das Wasser sein könnte, oder wo genau die Spuren verläuft. So sieht man an einigen Stellen auch, dass Fahrzeuge seitlich an die Bäume geschlagen sind. Wobei die meisten Anschläge durch Fahrzeuge wie unseres verursacht wurden, da sie aufgrund der Aufbauhöhe bei einer seitlichen Neigung natürlich im oberen Bereich stärkeren Schwankungen ausgesetzt sind. Ansonsten streifen die Blätter der umstehenden Bäume praktisch unentwegt am Fahrzeug entlang. Überhaupt ist die Strecke nur mit einem geländegängigen Fahrzeug zu machen. Ein bisschen schwierig wird es, wenn Fahrzeuge entgegenkommen, da sie auf dem Weg schlicht nicht aneinander vorbeikommen. Es bleibt also nur, eine Stelle mit jüngeren und damit dünneren Bäumen zu suchen, und kurzerhand mit der Kraft des LKWs eine kleine Schneise hinein zu „walzen“. Ist das entgegenkommende Fahrzeug vorbei wird zurückgesetzt und es geht weiter.

Unsere Mittagspause machen wir an der einzigen möglichen Stelle dafür: ein trockengefallenes Flussbett. Wer aber natürlich schon auf uns gewartet hat sind gefühlte Millionen von Mücken. Das gilt so auch für jeden anderen Stopp, den man unterwegs einlegt. Sobald die Türen des Fahrzeugs geöffnet werden, sind die kleinen Quellgeister sofort zur Stelle. Steigt man aus, heißt es unentwegt in Bewegung bleiben. Das Essen mit Mückennetz ist logischerweise ein bisschen schwierig, aber auch so finden die Viecher immer einen Weg. Zurück im Fahrzeug, starten wie nach jeder Rast zunächst die große Jagd auf die Mücken im Fahrzeug. Man kommt leicht auf ein Verhältnis von zwanzig zu eins. Also 20 Mücken auf einen Menschen. Im Verlauf der Fahrt machen wir noch einen kurzen Fotostop an einer großen Halde von Vulkangestein, dass sich hier bis an die derzeitige Piste im Zuge eines früheren Vulkanausbruchs heran geschoben hat. Das war auch der Grund, warum man die alte Strecke heute nicht mehr nutzen kann, sie ist schlicht durch das meterhohe Vulkangestein verschüttet worden. Ich schätze, dass sich das Gestein an der Stelle an der wir halten auf der Höhe von 6 – 8 m über den früheren Wald gewälzt hat, und dann schließlich eben dort zum Stehen gekommen ist. An unserem Ziel herrscht zunächst nur ein bisschen Wind, und sofort begrüßen uns auch hier die Stechinsekten wieder. Wenn auch wegen des leichten Windes etwas gemäßigter als vorhin am Fotostop, der praktisch im Wald gelegen war.

An dieser Stelle ist es ein guter Zeitpunkt um auf die Forstwirtschaft in Kamtschatka einzugehen. Etwa die Hälfte der Fläche Kamtschatka ist mit Wald bedeckt, wobei der hohe Norden durch ausgedehnte Tundra Flächen geprägt ist, entsprechend ist der Anteil in der Mitte und im Süden noch größer. Wir sprechen hier immerhin von knapp 200.000 km² oder 20 Millionen Hektar Wald. Etwa ein Viertel davon befindet sich in strengen Schutzzonen und darf offiziell nicht bewirtschaftet werden, dazu gehören auch die Flächen um Esso, wo hier heute Morgen aufgebrochen sind. Weitere 1,2 Million ha haben einen niedrigeren Schutzstatus und dürfen eingeschränkt bewirtschaftet werden. So bleiben rund 13,5 Millionen ha wirtschaftlich nutzbarer Wald. Dabei lässt die Nutzung des Waldes in Kamtschatka nach. Im Jahre 1998 wurden noch 35.000 ha Forstkulturen angelegt. Zehn Jahre später war es nur noch rund ein Zehntel der Fläche. Und lediglich knapp 300 ha wurden überhaupt gezielt neu angepflanzt. Bei den restlichen Flächen vertraut man einfach auf die natürliche Regeneration des Waldes nach einer Forstwirtschaft, die durch den völligen Kahlschlag geprägt ist. Nicht unwesentlich werden auch Flächen durch Waldbrände zerstört. Die letzte mir vorliegende Zahl stammt aus dem Jahre 2006 und betraf eine Fläche von 225.000 km². Eine offizielle Statistik darüber wird aber nicht geführt. Man überwacht auch nur gezielt ca. 10 % der Fläche auf Waldbrände. Weit verbreitet sind Baumarten wie Birken inklusive der hier häufig vorkommenden Steinbirken, Weißbirken und Lärchen. Es gibt in geringeren Maßen auch Fichten, oder auch Pappeln, Erlen und Weiden, die insbesondere zur Uferbefestigung der zahlreichen Flüsse einen wichtigen Beitrag gegen die Wassererosion leisten. Die Steinbirken bedecken eine Fläche von fast 6 Millionen ha. Sie wird wegen ihrer Härte und der guten physikalisch-mechanischen Eigenschaften vor allem im Haus- und Schiffsbau aber auch im Möbelbau genutzt. Sie findet aber auch als Brennholz regen Zuspruch. Der Gesamtvorrat schlagfähigen Holz beträgt in Kamtschatka etwa 1,2 Milliarden m³, davon entfallen etwa 880 Millionen m³ auf Birke und dort vor allem auf Steinbirke. Nadelholz trägt etwa 107 Millionen m³ zum Holzvorrat bei. Nach staatlichen Angaben beträgt das Einschlagpotenzial pro Jahr bei einer nachhaltigen Waldwirtschaft etwa 1,8 Millionen m³. Tatsächlich wurden in den letzten Jahren aber lediglich 200.000 m³ geerntet. Dabei spielt die Nutzung als Brennholz eine wesentliche Rolle. Soweit hört sich das rein statistisch gesehen noch positiv an. Das Problem ist aber, dass nur ein sehr kleiner Teil des Waldes tatsächlich und dann sehr intensiv genutzt wird. Das ist vor allem das Gebiet im Großraum Milkovo. Dort gibt es eine gewisse Infrastruktur für die Forstwirtschaft, incl. der nötigen Wegbefestigungen. Und dort wird deutlich schnelle abgeholzt als aufgeforstet und nachwachsen kann. Das hat inzwischen schon Auswirkungen auf den Grundwasserspiegel, der dort nicht mehr gehalten werden kann und langsam abfällt. Ausgebaut wird die Forstwirtschaft überall dort, wo die Zuwegung sich verbessert. Wobei der Straßenbau selten zur Verbesserung der allgemeinen Infrastruktur oder der besseren Anbindung entlegener Siedlungen dient, fast immer steht die Verbesserung zur Ausnutzung von natürlichen Ressourcen als Ziel dahinter, dient also zumeist der Ausbeutung von Bodenschätzen, damit einhergehend wird dann auch die Infrastruktur für die Forstwirtschaft verbessert, und damit nicht selten die Forstwirtschaft in den „neu erschlossenen“ Gebiet ebenfalls intensiviert. Grundsätzlich lässt sich aber sicherlich sagen, dass die Forstwirtschaft noch deutlich hinter der in Sibirien zurück ist, wobei letztere durchaus einen gewissen Einfluss auf den Weltmarkt erreicht hat.

Aber zurück zu unserem Tag. Denn auch hier im Camp am Tolbatschik befinden wir uns im Wald -genau genommen im toten Wald. Genau durch diesen möchten wir später noch ein bisschen spazieren gehen. Zuvor gibt es aber noch warme Getränke, und wir bauen zum ersten Mal unsere Zelte auf. Zu meiner Verwunderung gibt es dafür keine Schutzfolien unter den Zelten gegen aufsteigende Feuchtigkeit oder auch als Schutzschicht für den Zeltboden. Gegen 15:00 Uhr waren wir hier eingetroffen etwa eineinhalb Stunden später starten wir den kleinen Spaziergang. Der uns umgebende tote Wald ist Opfer des Vulkanausbruchs des Tolbatschik im Jahre 1975/1976 geworden. Durch den Ausbruch wurde das direkte Umfeld mit einer meterdicken Schicht von Vulkanasche bedeckt. Im Bereich des Camps ist diese etwa 4 m dick. So ist praktisch nur noch der obere abgestorbene Teil der Bäume sichtbar. Aber auch wenn diese Umgebung extrem lebensfeindlich ist, beginnt sich der Wald zu regenerieren. Ein paar kleine Bäumchen sind bereits da, und auch Gras beginnt sich wieder zu bilden. Allgemein dominieren aber noch die abgestorbenen Bäume bzw. deren Skelette die Landschaft. Aufgrund der dunklen Wolken am Himmel wirkt die Szenerie des toten Waldes noch zusätzlich ein bisschen mystischer. Und zu unserem Leidwesen hat auch der kalte Wind aufgefrischt und lässt mich ein bisschen frösteln. So verkrieche ich mich heute auch schon gegen 9 Uhr direkt in meinen Schlafsack und verschiebe alles andere auf morgen. Immerhin sorgt der kalte Wind auch dafür, dass sich die Mücken auf ein ziemlich erträgliches Maß reduziert haben.